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Kampfzone Gymnasium : Im Zweifel sind die Lehrer schuld

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Alle gegen eine: Szene aus Sönke Wortmanns Kinofilm „Frau Müller muss weg“ Bild: Constantin

Keifende Eltern sind im Kinofilm „Frau Müller muss weg“ lustig anzusehen. An deutschen Gymnasien sind sie aber bedrückender Alltag. Dahinter steckt die Abstiegsangst der Mittelschicht.

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          Fünf Väter und Mütter haben sich in einer Schule getroffen. Sie wollen jemanden rauswerfen. Es ist die Lehrerin. Die Eltern sind zutiefst davon überzeugt, dass sie „zuallererst an das Fortkommen“ ihrer Kinder denken müssen. Sonst landen ihre Kleinen womöglich in der Realschule oder gar auf der Hauptschule. Entlassung wollen die Eltern nicht nennen, was sie ihrer Lehrerin antun. „Wir feuern sie nicht. Sie soll nur die Klasse abgeben. Wie sie das gegenüber der Schulleitung begründet, ist ihre Sache.“

          Diese Sätze stammen von dem Dramatiker Lutz Hübner, geschrieben für das Stück „Frau Müller muss weg“. Bereits vielfach in deutschen Theatern gespielt, läuft es nun auch in den Kinos. Es wird ein Kassenschlager, das steht fest. Die Mittelschicht wird sich an ihrer eigenen Verzweiflung delektieren - und an ihrem Versagen. Denn wer glaubt, dass das nur Kino oder Spaß ist, der besuche einen Elternabend in Deutschland. Hier wird der Mathelehrer abserviert, weil er „das hintere Drittel der Klasse“ nicht mehr erreicht. Dort diktieren Eltern der Französischlehrerin eines staatlichen Gymnasiums, wie der Unterricht künftig abzulaufen habe. Unterzeichnet die Lehrerin das Protokoll des Gesprächs nicht, hetzen die Eltern ihre Kinder wie Stöberhunde auf sie: „Warum haben Sie das Papier noch nicht unterschrieben?“

          „Frau Müller muss weg“ ist bitterer Ernst. Dabei ist der Rauswurf von Frau Müller als Kino-Plot bereits veraltet, die Situation ist inzwischen noch dramatischer geworden. Als Lutz Hübner das Stück 2009 schrieb, konnte er den High Noon zwischen Eltern und Lehrerin noch ans Ende der vierten Klasse legen. Dahin also, wo in 13 Bundesländern die Entscheidung für oder gegen das Gymnasium fällt. Inzwischen hat sich die Kampfzone ausgeweitet, mitten ins Gymnasium hinein. Denn der Run auf das Abitur hat dazu geführt, dass der Auftrag der Gymnasiallehrer hochkomplex geworden ist. Nun geraten sie von zwei Seiten unter Beschuss: Sie sollen einerseits die Öffnung des Gymnasiums für die sogenannten nichttraditionellen Abiturienten mittragen, eigentlich erst möglich machen.

          Andererseits sollen sie das Abitur zugleich gegen den Ansturm jener Schüler verteidigen, die gern „bildungsfern“ genannt werden. Es sind Kinder von Zuwanderern oder aus früheren Arbeitermilieus. Deren Familien sind nicht dümmer, aber sie kennen oftmals weder die kulturellen Codes des Mittelschichtsmilieus noch das Vokabular der höheren Anstalt. Sie verstehen nicht, was eine Mutter ausdrücken will, wenn sie ihr Kind zu Klavier und Ballett chauffiert. Sie fühlen sich auf dem Elternabend wie in einem spanischen Dorf, wenn Studienräte von binomischen Formeln, Bello Gallico oder Zitronensäurezyklus sprechen.

          Bildung ist das zentrale Thema in der bürgerlichen Mitte

          Forscher der Konrad-Adenauer-Stiftung, die sich die Milieus der Mitte seit längerem genau anschauen, bemerken interessante Wandlungen. Bildungserfolg war den Bürgerlichen schon immer wichtig, aber die Pisa-Studien mit ihren anfangs miserablen Ergebnissen in Deutschland haben die Lage deutlich verschärft. Pisa „hat zu einer Fokussierung auf das Abitur als alleinigem Bildungsmaßstab geführt“, steht in einer Adenauer-Studie. Zudem sei ein interessanter Trend zu beobachten. Auch die sogenannten „Benachteiligten“ würden nun die Bildungsansprüche für ihre Kinder anheben. Dort seien es vor allem die Mütter - die Väter verabschiedeten sich aus der Erziehung -, und die seien in einer heiklen Lage: „Denn diese Frauen nehmen teils klar, teils diffus wahr, dass Bildung das zentrale Thema in der bürgerlichen Mitte ist, zu der sie streben“, schreiben die Adenauer-Autoren. Aber weil ihnen die Mittel der Förderung fehlten, würden sie die Verantwortung für den Schulerfolg vollkommen an das Kind und an die Lehrer delegieren.

          Ansonsten ist die Mittelschicht der Studie zufolge komplex aufgeteilt: Oben thronen die „Etablierten“, die ihr Kind oft auf eine Privatschule geben, weil sie „die staatlichen Schulen als ,katastrophal‘ erleben“. Die „Performer“ haben ebenfalls hohe Ansprüche an die Schule - und organisieren zusätzlich noch Bildungsangebote für ihre Kinder. Die „bürgerliche Mitte“ wiederum hat wenig Lust, „gegen Strukturen zu intervenieren, die sich nicht ändern lassen.“ Ganz im Gegensatz zu den „Postmateriellen“, die die staatliche Schule von innen heraus verbessern wollen und sich in den entsprechenden Gremien engagieren. Die „Hedonisten“ lehnen dafür „die Rolle als ,Erfüllungsgehilfen des Staats‘ gegenüber ihrem Kind ab“. Auch die „Expeditiven“ weichen dem Notendruck in der Schule aus und sind dafür bereit, mit ihrem Kind den Gang in die Gesamtschule anzutreten.

          Angst vor dem potentiellen Absturz

          Aber wie groß die Unterschiede zwischen den bürgerlichen Milieus auch sein mögen, sind sie doch in einem vereint: in einer generellen Unsicherheit, einer Angst vor dem beruflichen Aussetzer, vor dem potentiellen Absturz. Was seit Mitte des 19. Jahrhunderts die Konstanten ihrer, der bürgerlichen Schicht waren, sind mittlerweile gefährdet: Bildung, Besitz, Vermögen. Den lebenslangen Job gibt es so gut wie nicht mehr. Das Vertrauen in Rente, Haus, Anlagen ist in Immobiliencrashes und Finanzkrisen zerstoben. Alles ist vergänglich, alles kann wegbrechen. Das ist das beherrschende Lebensgefühl der Mittelschicht. Einzig das Abitur ist ihr geblieben.

          Und nun scheint auch das zu bröckeln: Das Gymnasium soll zur neuen Hauptschule werden. Während das Abitur früher ein Nadelöhr darstellte, das seine Passanten in den bürgerlichen Geistesadel erhob, wird es heute nicht mehr nur an ein Prozent des Jahrgangs (wie 1870) oder zehn Prozent (wie 1950) oder 20 Prozent (wie in den 1970ern) vergeben, nein: rund 60 Prozent machen mittlerweile Abitur. Das Gymnasium wurde in wenigen Jahren von einer Privilegienschmiede zu einer Anstalt der Chancen für viele.

          Die einen wollen mehr Hilfe, die anderen mehr Auslese

          Allerdings ist es pädagogisch noch keineswegs durchreformiert, sprich: aufnahmefähig gemacht. Die Lehrer sind noch lange nicht so weit, die heterogene, kriselnde Schülerschaft didaktisch zu integrieren. Im echten Leben formuliert Frau Müller ihren Anspruch härter, als Studienrätin, die die Tradition einer 180 Jahre alten Maturitätsprüfung im Rücken weiß: „Es können nicht alle gleich gut sein, es ist immer noch ein Gymnasium“.

          Dieser Leistungsanspruch ist der alte Kodex der höheren Anstalt. Er bringt es mit sich, dass das weit geöffnete Gymnasium zur Kampfzone wird, der Kampfzone zwischen den Milieus. Die „bildungsfernen“ Eltern fordern mehr Hilfe, die traditionellen Bildungseliten mehr Auslese. Im Film schlagen sich der Arbeitslose und der Karrierevater die Nasen blutig. Das mag zwar überzeichnet sein, aber auch im echten Leben sind sich die Eltern nur einig, wenn es um den Kampf gegen die Lehrer geht. Die wichtigsten Schlachten finden am Elternabend, per Email-Verteiler oder an den Geheimtreffen von Eltern statt, bei denen einzelne Lehrer auf die Abschussliste gesetzt werden. Oder bestimmte Kinder. Lachen kann man darüber nur im Kino.

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