https://www.faz.net/-gqz-83p0t

Ingeborg Stadelmann : Die Hebamme der Nation

Im Garten der Kräuterfrau: Ingeborg Stadelmann Bild: Jan Roeder

Verantwortungslose Kräuterhexe oder Vorkämpferin für eine gute Sache? Ingeborg Stadelmann kämpft seit vierzig Jahren für Hausgeburten und Kräuterheilkunde. Ihre Mittelchen verkauft sie in die ganze Welt.

          Welcher Bahnhof in Deutschland die bekannteste Apotheke hat, ist gar nicht so einfach zu ermitteln. Repräsentative Umfragen fehlen, die statistischen Hinweise sind nicht eindeutig. In München gibt es die meisten Gleise, in Frankfurt die meisten Reisenden, in Leipzig das größte Einkaufszentrum. Mit solchen Superlativen kann Kempten im Allgäu nicht aufwarten. Aber zumindest unter Schwangeren, jungen Eltern und Hebammen liegt die Kleinstadt im nationalen Bahnhofsapotheken-Ranking trotzdem ganz weit vorne. Denn dort bestellen immer mehr von ihnen alles, was rund um die Geburt gut zu tun verspricht: Ätherische Öle, homöopathische Stärkungsmittel, Teemischungen für Schwangere und Wöchnerinnen. Gerade wird wieder gebaut, die Produktionsfläche soll größer werden. Rund 250 Mitarbeiter beschäftigt die Apotheke inzwischen. Viel spricht dafür, dass sie bald bekannter sein wird als der Bahnhof, wo viermal am Tag der Intercity hält.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Hinter der erstaunlichen Erfolgsgeschichte steht eine Frau, an der sich die Geister scheiden: Ingeborg Stadelmann, Hebamme, Bestsellerautorin, Autodidaktin, dreifache Mutter und sechsfache Großmutter. Von ihren Gegnern wird sie entweder als verantwortungslose Kräuterhexe beschimpft oder als esoterische Gesundbeterin belächelt. Ihre Anhänger dagegen verehren sie als furchtlose Vorkämpferin für die gute Sache. Als Pionierin. Wie sie es damals, in den Achtzigern, im Streit um den Neubau des Kreißsaals mit dem mächtigen Chefarzt des Kemptener Krankenhauses aufgenommen habe, bringt eine Weggefährtin noch heute ins Schwärmen.

          Vollkaskomentalität beim Kinderkriegen

          Die Gegensätze sind so scharf, weil der Gegenstand so emotional ist: Schwangerschaft, Geburt und Familie sind eigentlich der Inbegriff des Privaten. Doch der demographische Wandel und die um sich greifende Bildungspanik, die zur Frühförderung des Nachwuchses schon im Mutterleib mahnt, haben sie zum Politikum gemacht. Deshalb ist es so wichtig geworden, in diesen Angelegenheiten bloß nichts falsch zu machen. Wer Position bezieht wie Ingeborg Stadelmann, macht sich angreifbar. Seit Jahrzehnten wirbt sie für Hausgeburten, Naturheilmittel und die mütterliche Intuition. Das wurmt die Schulmediziner alten Schlags. Sie warnt aber auch vor Kaiserschnitten aus Bequemlichkeit und davor, dass mehr und mehr Eltern sich nur noch mit Vollkaskomentalität ans Kinderkriegen trauen. Das macht Väter und Mütter wütend, die sich ertappt fühlen und das nicht ertragen wollen.

          Im Garten von Ingeborg Stadelmann wachsen Thymian und andere Heilpflanzen.

          Auf der Terrasse vor dem Haus, das sich Stadelmann und ihr Mann vor acht Jahren auf dem Land zehn Kilometer westlich von Kempten gebaut haben, nur einen Spaziergang vom Dorf ihrer Kindheit entfernt, wirken diese Kontroversen wie aus einer anderen Welt. Hier sieht das Allgäu aus wie im Katalog: Grüne Wiesen, stattliche Höfe, blauer Himmel. Im Teich quaken die Frösche, die Straße schlängelt sich durch Hügelland, in der Ferne stehen die schneebedeckten Alpengipfel. Und Ingeborg Stadelmann lässt in der Frühlingssonne alle Vorurteile ins Leere laufen, verströmt Sanftmut, Gelassenheit, Toleranz. Nächstes Jahr wird sie 60, vielleicht ist es die Milde des Alters.

          Weitere Themen

          Die gestohlenen Kinder

          Entführungen unter Franco : Die gestohlenen Kinder

          Während der Franco-Diktatur wurden zahlreiche Kinder ihren Eltern entwendet und verkauft. Tausende Spanier sind seitdem auf der Suche nach ihrer wahren Familie. Eine Frau hat sie endlich gefunden.

          Hakuna Matata Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Der König der Löwen“ : Hakuna Matata

          25 Jahre nach dem Original kommt „Der König der Löwen“ als Neuverfilmung zurück in die Kinos. Die Tricktechnik überwältigt, doch der Spagat zwischen Königsdrama und Tierdoku will nicht so ganz gelingen.

          Topmeldungen

          Wahl von der Leyens : Eine pragmatische Lösung

          Das Europäische Parlament ist über seinen Schatten gesprungen und vermeidet mit der Wahl von der Leyens den Machtkampf mit dem Europäischen Rat. Der Erfolg der CDU-Politikerin sichert auch das Überleben der großen Koalition – fürs Erste.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.