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Familientherapeut und Autor : Jesper Juul ist tot

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Jesper Juul, geboren am 18. April 1948 in Vordingborg, gestorben am 25. Juli 2019 in Odder, im September 2012 in Hamburg. Bild: Picture-Alliance

Der dänische Elternratgeber Jesper Juul ist gestorben. Seine Grundsätze von der Gleichwürdigkeit und Kooperationsbereitschaft von Kindern haben Eltern und Erzieher beeinflusst, seine Bücher unzähligen Familien geholfen.

          Im Alter von 71 Jahren ist am Donnerstagmittag der Familientherapeut und Autor von Erziehungsratgebern Jesper Juul gestorben. Das gaben die Leiter des von ihm gegründeten Elternberatungsprojekts Family Lab auf ihrer Website bekannt. Kurz zuvor war Juul aus dem Krankenhaus in sein Haus im dänischen Küstenstädtchen Odder südlich von Århus zurückgekehrt. Er war wegen einer Lungenentzündung behandelt worden.

          Jesper Juul hat mit seinen pädagogischen Ansichten eine Schule von Erziehungsgrundsätzen geprägt, die sich zwischen dem traditionell autoritären Erziehungsstil und Ansätzen einer antiautoritären Erziehung positionierte. Grundlage ist die Annahme, dass ein Kind von Geburt an über soziale und emotionale Fähigkeiten verfügt, die sich entsprechend der kindlichen Reife äußern. Somit seien Kinder und Erwachsene zwar „gleichwürdig“, doch komme Eltern und Erziehern die Aufgabe zu, mit Erfahrung und Kompetenz den Weg des Kindes zu leiten und zu begleiten und es immer weiter in die Selbstständigkeit zu entlassen. Die Beziehung müsse von Respekt getragen sein. Statt ein Kind ständig zu ermahnen und seine Mängel zu benennen, sollte es als eigenständige Persönlichkeit betrachtet und gefördert werden. Gestalttherapeutische, systemische und humanistische Ansätze prägten Juuls Familientherapie und Erziehungsgrundsätze.

          Jesper Juul wurde am 18. April 1948 in der dänischen Hafenstadt Vordingborg geboren. Sport und Naturerkundungen prägten seine Kindheit in ländlicher Umgebung. Nach dem Realschulabschluss fuhr Jesper Juul zunächst als Messejunge und Jungkoch für eine dänische Reederei zur See und arbeitete als Hilfsarbeiter und Maurer sowie Tellerwäscher und Barkeeper. 1966 bis 1970 studierte er Geschichte und Religion am Marselisborg-Lehrerseminar und an der Universität Århus. Sein Studium finanzierte er sich durch Ferienjobs, auch in Deutschland. Später bildete er sich in Dänemark, den Niederlanden und den Vereinigten Staaten als Familientherapeut aus.

          Ein langer Weg

          Nach dem Studium arbeitete Juul bis 1973 als Lehrer und Sozialpädagoge im Behandlungsheim Bøgholt in Viby bei Århus, in dem Jugendliche mit Verhaltensauffälligkeiten und aus sozial desolaten Verhältnissen Aufnahme fanden. Dort traf er auf den amerikanischen Psychiater und Familientherapeuten Walter Kempler und den dänischen Kinderpsychiater Mogens A. Lund, die zu seinen Lehrern wurden und ihn in der Ansicht bestärkten, dass Elternarbeit und Familientherapie von entscheidender Bedeutung für die therapeutische Arbeit mit Jugendlichen seien. Anschließend arbeitete er neun Jahre lang mit Gruppen alleinerziehender Mütter im Jugendzentrum der Stadt Århus sowie freiberuflich als Gruppentherapeut und Persönlichkeitstrainer.

          1979 gründete Juul mit Lund, dessen Frau Lis Keiser und in Zusammenarbeit mit Kempler das „Kempler Institute of Scandinavia“, das er bis 2004 leitete. Seit 1991 arbeitete er jeweils drei Monate im Jahr mit Flüchtlingsfamilien und Kriegsveteranen in Kroatien, angeregt durch seine aus Zagreb stammende zweite Frau.

          Eine schwere Erkrankung

          2004 gründete Juul das „FamiliyLab International", das selbständige Zweigstellen in vielen Ländern Europas hat, darunter in Deutschland, der Schweiz und Österreich. Die Leiter der dort angebotenen Seminare wurden von Juul ausgebildet. Grundlage sind von ihm entwickelte „Kurzzeitinterventionen mit der ganzen Familie, handlungsorientiert und praxisnah“, mit der Eltern auf der Suche nach neuen Wegen in der Erziehung unterstützt und nicht, wie Juul betonte, in ihrem Versagen bestätigt werden sollen.

          Eine schwere Erkrankung an Transverser Myelitis, einer seltenen schweren Nervenkrankheit, unterbrach Juuls Arbeit, so dass er sich von Dezember 2012 bis Juni 2014 Behandlungen im Krankenhaus und in Rehabilitation unterziehen musste. Seit dieser Zeit war Juul querschnittsgelähmt und an den Rollstuhl gefesselt. Aufgrund eines Luftröhrenschnitts konnte er auch zunächst nicht mehr sprechen. Später konnte er wieder schreiben und Konsultationen und Supervision via E-Mail anbieten, jedoch nicht mehr reisen.

          Ein richtungsweisendes Konzept

          In einem umfangreichen publizistischen Werk machte Juul mit seinen Grundlagen der Erziehung und Familientherapie vertraut, beginnend mit seinem sehr bekannt gewordenen Standardwerk „Dein kompetentes Kind: Auf dem Weg zu einer neuen Wertgrundlage für die ganze Familie“ aus dem Jahr 1997. Er reiste durch Europa, hielt Seminare und Vorträge, oft vor ausverkauften Häusern, und war ein gefragter Interview- und Talkshow-Gast. Dabei kritisierte der dänische Familientherapeut zunehmend, dass Kinder ein vorgegebenes Programm in pädagogischen Einrichtungen absolvieren müssten und immer weniger Zeit hätten, sich frei und ohne Stress zu entfalten. Er warnte auch davor, Kinder zu sehr in Watte zu packen und mit ständigem Lob im Gegensatz zum einst verbreiteten Tadeln und Strafen zu überfrachten. Ein Leitsatz von Juul lautet: „Kinder müssen ihre eigenen Erfahrungen machen, und sie brauchen Eltern, die sie führen“. In seinem 2016 veröffentlichten Buch „Leitwölfe sein. Liebevolle Führung in der Familie“ machte er noch einmal deutlich, dass Kinder ernst genommen und mit Respekt behandelt werden sollten, aber Eltern gleichwohl zu Führung und Verantwortung verpflichtet seien. „Leitwolf sein“ habe „mit einem autoritären Erziehungsstil, also mit Machtausübung und Gehorsam“ nichts zu tun.

          In einer Würdigung auf ihrer Website danken die Leiter des Familiy Labs, Mathias Voelchert und Eleonore d’Harnoncourt, Jesper Juul für seinen „grenzenlosen Einsatz und die Kraft und Zuversicht“, die er in so viele Familien mit seiner außerordentlichen Arbeit gebracht habe: „Dein richtungsweisendes Lebenskonzept der Gleichwürdigkeit wird weiter bestehen, über alle Generationen hinweg und wir werden es weiter tragen und es an die nächsten Generationen weitergeben.“

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