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Familienrodeln im Harz : Wo die dunklen Tannen ragen

  • -Aktualisiert am

Rodelglück im Harz Bild: Picture-Alliance

Der Ort liegt allzu still da, das beste Café ist leer und die Backstube ist vernagelt. Aber auf der Rodelpiste herrscht Sprudellaune, denn die Schneefreude und die Ausdauer der Kleinen ist unzerstörbar.

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          Das beste Café des Ortes steht leer. Hinter den großzügigen Panoramascheiben verrotten schräg herabhängende Jalousien, einsam verstaubt eine Theke. Ein paar Schritte weiter serviert auch der Ratskeller kein Bier und hat keine Öffnungszeiten. Eine Backstube ist mit Holzbrettern vernagelt. Das prunkvolle Hotel „Granetal“ verfällt herrenlos. Das Foto eines Maklers mit Betonfrisur klebt schon so lange an dieser Betonarchitektur, dass es vergilbt ist.

          Herzlich willkommen im Harz! Wir sind in Hahnenklee, einer malerischen Gemeinde zwischen Goslar und Clausthal-Zellerfeld. Herrlich für Regisseure, die eine verlassen wirkende Kulisse brauchen und einen Zombiefilm drehen wollen. Und für Eltern, die mit der Familie Schlitten fahren wollen. Denn genau das plane ich. Der Schlitten ist das älteste Fahrzeug der Menschheitsgeschichte! Jedenfalls behauptet das eine Tafel in diesem Ort. Kufen gab es schon vor knapp 6000 Jahren, sie wurden noch vor dem Rad erfunden. Also rauf.

          Vorher ist aber einiges zu beachten. Zwar lautet der Slogan der Gegend „Natur pur“ (kein Witz!). Aber wer die Natur so sehr liebt, dass er sie schützen und autofrei reisen mag, bekommt doch Probleme. Einmal stündlich fährt der 830er ab Goslar durch die Serpentinen des Oberharzes. Der Fernreisebus, mit gemütlichen Sitzen und engsten Gängen, den die Verkehrsbetriebe der Region Braunschweig hier auf den Weg schicken, hat 47 Plätze. Heute drängeln sich aber 70 Leute darin. Ich kann meine Kinder nicht mehr sehen. Ein Jugendlicher streift den Schlamm seiner Schuhe im Gedränge an meine Hose. Der Busfahrer stößt Wutschreie aus, weil die Zentrale nicht angekündigt hat, dass eine Schulklasse kommt. „Das müssen die doch! Das wissen die doch!“ Immerhin rast er, so dass wir zwar Todesangst verspüren, die Fahrt aber immerhin kurz ausfällt.

          Schönheit auf den zweiten Blick

          Wenn man endlich glücklich da ist und den Zombieort durchquert hat, vorbei an dem einzigen „Supermarkt“ (zwei Regale) und am Rand des Ortes sein Ferienhaus bezieht, kann alles gut werden. Orte, die nicht gerade im Fokus des Interesses stehen, sind zu zauberhafter Schönheit fähig. Unser Ferienhaus, das den klingenden Namen „Haus Blume“ ganz zu Recht trägt, sieht innen aus wie der einstige Kanzlerbungalow von Helmut Schmidt. Es ist weder mit dem üblichen Kiefernmüll vom skandinavischen Bettenlager zugestellt, noch mit neureichem Pseudoluxus. Stattdessen: eine elegante Frankfurter Küche, schlichte Möbel der Fünfziger, beigefarbene, schlanke Sessel, weite Fenster. Und eine ausnehmend herzliche Vermieterin, die am Telefon plaudert und Tipps gibt.

          Vielleicht ist es typisch deutsch, ganz wie diese Gegend in der Mitte des Landes, dass der Tourist die Schönheit erst auf den zweiten Blick entdeckt. Denn an sich ist der Harz ja ein Sanierungsfall, der die Deutschen kaum noch reizt. Doch das ist unfair. Jetzt ganz besonders. In Braunlage, dreißig Kilometer weiter, haben sie 2013 eine Beschneiungsanlage für elf Millionen Euro installiert. Sie war noch kaum in Betrieb - es ist zu warm. Wenn die Lokalpolitiker nicht gerade auf einem Podium „Wege aus der Krise“ sitzen, investieren sie - gern falsch. „Man schlägt immer Seitenwege und Fußsteige ein, und glaubt dadurch näher zum Ziele zu gelangen. Wie im Leben überhaupt, geht’s uns auch auf dem Harze“, schreibt Heinrich Heine in seiner „Harzreise“.

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