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Familie und Berufstätigkeit : Was soll denn dieser Pessimismus?

  • -Aktualisiert am

Und abends sehen sie sich wieder: Mutter und Kind verabschieden sich in einer Kölner Kita für den Tag. Aufnahme aus dem Oktober 2014 Bild: dpa

Mit siebzig Prozent berufstätigen Frauen liegt Deutschland noch vor Frankreich. Doch die Zahl täuscht. Und die Erwartung, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ließe sich allein über externe Kinderbetreuung herstellen, hat sich nicht erfüllt. Ein Gastbeitrag.

          Deutschland hat seine Familienpolitik im letzten Jahrzehnt grundlegend reformiert. Wissenschaftler im In- und Ausland waren fasziniert von dem Umstand, dass es ausgerechnet eine konservative Familienministerin war, die Deutschland aus dem familienpolitischen Dornröschenschlaf wachrüttelte und Reformen wie das Elterngeld und den Ausbau der Krippenbetreuung durchsetzte.

          Unsicherheit existiert seitdem nicht nur in der Wissenschaft, die sich damit abmüht, zu verstehen, wie Deutschland, das als konservativer „familialistischer“ Wohlfahrtsstaat galt, nun zu kategorisieren sei. Dass bestimmte Kreise der Gesellschaft dem Ausbau der Kleinkindbetreuung ablehnend gegenüberstanden, daran war man gewöhnt. Doch nun sind Wehklagen aus ganz unerwarteten Richtungen zu vernehmen.

          Leben an der Grenze der Belastbarkeit

          Feministinnen monieren den familienpolitischen Kurswechsel. Sie klagen darüber, dass die familienpolitischen Reformen vor allem durch profane ökonomische und demographische Beweggründe motiviert waren. Und Väter stellen plötzlich ihr gewähltes Familienmodell, mit dem nicht nur sie, sondern auch ihre Frauen Karriere machen, in Frage: Karriere und Familie könnten nicht in Einklang gebracht werden, meinen die Autoren Marc Brost und Heinrich Wefing und bringen ihr Dilemma auf den Begriff „Vereinbarkeitslüge“. Selbst die Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard, die sich lange für die Vereinbarkeit von Kind und wissenschaftlicher Karriere eingesetzt hatte, sagte jüngst in einem Interview mit der „Zeit“, dass wahre Wissenschaft und Kindererziehung doch nicht vereinbar seien und schließlich nicht „alle Kinder kriegen müssen“.

          So könnte man den Eindruck gewinnen, die Wissenschaft sei von zukünftigen Nobelpreisträgerinnen bevölkert, die keine Sekunde auf nebensächliche Dinge wie Kindererziehung verschwenden dürfen. Und auch in der Arbeitswelt scheint es von „Power Couples“ zu wimmeln, die an der Grenze der Belastbarkeit leben, weil sie das Unvereinbare vereinbar machen wollen. Sieht so die empirische Wirklichkeit aus?

          Die Vollzeiterwerbstätigkeit stagniert

          Schaut man auf die Statistik, lag die Quote erwerbstätiger Frauen nach Angaben von Eurostat im Jahr 2014 in Deutschland bei siebzig Prozent. Damit liegt Deutschland auf Platz sechs unter 33 europäischen Ländern, die Daten geliefert hatten - nur knapp hinter Schweden und Dänemark und sogar noch vor Frankreich und Finnland. Die gute Plazierung Deutschlands in der Eurostat-Statistik täuscht jedoch. Geschönt wird die Statistik zum Beispiel dadurch, dass Deutschland eines der Länder mit den geringsten Geburtenraten in Europa ist. Allein in Westdeutschland bleiben mehr als zwanzig Prozent der Frauen kinderlos. Haben Frauen keine Kinder, sind sie zumeist erwerbstätig.

          Vor allem aber ist es relevant, zu wissen, dass in der Eurostat-Statistik eine Person, auch wenn sie nur eine Stunde oder wenig mehr pro Woche arbeitet, bereits als erwerbstätig gilt. Kaum ein anderes Land aber hat so viele marginal beschäftigte Mütter - also in kurzer Teilzeittätigkeit, die meist weniger als fünfzehn Stunden pro Woche umfasst - wie Deutschland. Vollzeit erwerbstätige Mütter sind bei uns die Ausnahme, nicht die Regel. Die Vollzeiterwerbstätigkeit von Müttern stagnierte über Jahrzehnte vor allem in Westdeutschland auf einem niedrigen Niveau. Erst seit 2007 lässt sich überhaupt ein Anstieg des Anteils von Frauen mit Kindern beobachten, die Vollzeit arbeiten. Doch immer noch sind heute in Westdeutschland gerade mal ein Viertel der Frauen mit Kindern Vollzeit erwerbstätig, arbeiten also dreißig Stunden in der Woche oder mehr.

          Woher das Wehklagen?

          Ganz anders die Situation in Ostdeutschland: Ostdeutsche Mütter arbeiten mehrheitlich Vollzeit. Zwar ist die Vollzeitquote nach der Wende deutlich gefallen, dennoch unterscheiden sich ost- und westdeutsche Mütter auch 25 Jahre nach der Einheit grundlegend in ihrem Erwerbsverhalten. Nicht zuletzt wegen dieser erwerbsorientierten ostdeutschen Frauen schneidet Deutschland im „Europa-Ranking der Geschlechtergleichheit“ so überraschend gut ab. Ostdeutsche profitieren bis heute von einer guten Kinderbetreuungsinfrastruktur. Aber die Gründe für die hohe Erwerbsorientierung ostdeutscher Frauen sind nicht nur dort zu suchen. Erwerbstätigkeit wird als selbstverständlich angesehen und ist ökonomisch notwendig, weil die Frau weder darauf bauen will, dass der Partner die große Karriere macht, noch darauf, dass die Partnerschaft ein Leben lang hält. In ihrem Erwerbsverhalten ähneln die ostdeutschen Mütter damit eher denen in Schweden, Frankreich und Dänemark als jenen in Westdeutschland.

          Warum nun aber bricht ausgerechnet im Westen Deutschlands das große Wehklagen über die Belastungen für berufstätige Eltern aus, nicht aber bei Franzosen, Schweden oder Dänen, die deutlich mehr Zeit in der Arbeitswelt verbringen als westdeutsche Eltern? Liegt es an der „strukturellen Rücksichtslosigkeit“ gegenüber Eltern in der deutschen Arbeitswelt, die der Soziologe Franz-Xaver Kaufmann seit Jahrzehnten beklagt? Oder sind die Männer schuld, die ihre neue Rolle noch nicht gefunden haben?

          Im Zeitraffertempo zur Ganztagsbetreuung

          Bis vor kurzem waren die Rahmenbedingungen, Kind und Beruf unter einen Hut zu bekommen, in Westdeutschland ausgesprochen dürftig. Krippen- und Hortbetreuung waren praktisch nicht existent, Vollzeit erwerbstätige Mütter als Rabenmütter verpönt. In nur fünf Jahren hat sich jedoch die Situation rasant verändert. Seit August 2013 haben Eltern zudem ein Anrecht auf einen Betreuungsplatz, sobald das Kind das erste Lebensjahr vollendet hat. In Westdeutschland stieg die Besuchsquote einer Kindertagesstätte bei unter Dreijährigen in den Jahren 2006 bis 2014 von sieben auf 23 Prozent. Für Gesamtdeutschland liegt der Wert jetzt bei 28 Prozent.

          Damit erreicht Deutschland fast die sogenannten Barcelona-Vorgaben, die im März 2002 von der Europäischen Kommission formuliert worden sind, wonach für mindestens ein Drittel der Kinder unter drei Jahren Betreuungsplätze angeboten werden sollten. Zwar stellt für viele Eltern die fehlende oder nicht hinreichende Verlässlichkeit der Ganztagsbetreuung von Schulkindern weiterhin ein Hemmnis dar, Kind und Beruf zu vereinbaren. Dennoch lässt sich selbst in diesem Bereich ein deutlicher Wandel ausmachen. Der Anteil der Schulkinder, die in eine Ganztagsschule gehen, ist laut Berechnungen des deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung von etwa fünf Prozent im Jahr 2000 auf 26 Prozent im Jahr 2011 angestiegen. Im Zeitraffertempo macht Deutschland also einen Prozess durch, den Frankreich, Belgien oder die nordischen Länder bereits in den siebziger Jahren in die Wege geleitet haben.

          Die Erwartungen der Arbeitgeber müssen sich wandeln

          Klar ist auch, dass Deutschland, im Einklang mit den EU-Vorgaben, auf die Karte „externe Kinderbetreuung“ gesetzt hat, um die Mütter in den Arbeitsmarkt zu bringen. Doch die stille Erwartung, dass sich Vereinbarkeit allein über externe Kinderbetreuung herstellen ließe, hat sich nicht ganz erfüllt. Denn ihr gegenüber steht die Arbeitswelt in Westdeutschland, die verwöhnt ist vom voll flexibel einsetzbaren männlichen Ernährer, der Kinderbetreuung und Hausarbeit an die Teilzeit arbeitende Ehefrau delegieren konnte. Seit der Reform steigen nun die Vollzeiterwerbsquoten von Müttern auch in Westdeutschland moderat an. Von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wurde zudem die Tatsache, dass die Kinderlosigkeit unter Akademikerinnen erstmals nicht weiter zunimmt. Schätzungen des Bundesinstitutes für Bevölkerungsforschung gehen sogar von einem Rückgang der Kinderlosigkeit für die jüngeren westdeutschen Frauenjahrgänge aus.

          Das Schlagwort Polarisierung, das Frauen entweder in die Klasse der aufopfernden Mutter, die für das Kind auf ihre Karriere verzichtet, oder in die der karriereorientierten Frau einteilt, hat lange Zeit die Realität in Deutschland bestimmt. Wenn auch langsam, scheint sich in dieser Hinsicht etwas zu bewegen. Diese wenn auch moderaten Verhaltensänderungen verlangen jedoch auch einen Wandel in der Arbeitswelt, vor allem der Erwartungen, die Arbeitgeber an die zeitliche und räumliche Flexibilität ihrer Arbeitnehmer stellen können.

          Statt aber zu überlegen, wie dieser Wandel unterstützt werden kann, scheinen die Vereinbarkeitspessimisten die Deutungshoheit zu übernehmen. Man gewinnt den Eindruck, dass sie sich lieber in der familienpolitischen Steinzeit einrichten möchten, als die Anpassungsprozesse, die der Weg in eine elternfreundliche Arbeitswelt abverlangt, mitzugestalten.

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