https://www.faz.net/-gqz-91yhp

Planung der Elternzeit : Weg mit den Zwei-Monats-Vätern!

  • -Aktualisiert am

Im Eiltempo durch zwei Monate Elternzeit und dann schnell wieder ins Büro: So planen derzeit die meisten Väter. Bild: dpa

Zwei Monate, das ist ein verlängerter Urlaub. Warum nehmen so wenige Väter länger Elternzeit? Wir brauchen eine Reform des Elterngeldgesetzes – auch wenn es teuer wird.

          Es gibt kaum eine Antwort, die man mit solcher Regelmäßigkeit bekommt wie diese: „Zwei Monate.“ Die dazugehörige Frage lautet: „Und, wie lange nimmt er Elternzeit?“ Nicht nur die Antwort ist eine Provokation, auch die Blicke, die sie begleiten. Diese „Ist doch klar, was soll die Frage?“-Blicke. Und das Schlimmste ist: Sie haben recht. Die Frage ist überflüssig. Deutschland ist ein Land der Zwei-Monats-Väter.

          Zwei Monate. So lange sind Frauen schon allein durch den Mutterschutz nach der Geburt raus, von den sechs Wochen davor ganz abgesehen. Zwei Monate, das sind acht Wochen, das ist weniger als man sich bei einem Sabbatical gönnt. Zwei Monate, das ist ein verlängerter Urlaub. So lange macht der Bundestag Sommerpause. Zwei Monate, das ist nicht einmal ein Prozent der durchschnittlichen Lebensarbeitszeit in Deutschland.

          Zwei Monate, das ist lächerlich.

          Das Elterngeld-Gesetz ist mittlerweile zehn Jahre alt. Es besagt: Paare bekommen zwölf Monate Elterngeld, wenn einer zu Hause bleibt. Nimmt der Partner ebenfalls mindestens zwei Monate, erhöht sich der Anspruch auf vierzehn Monate. Das Gesetz ist sinnvoll, war aber schon zur Zeit seines Entstehens alles andere als revolutionär. Ein Anreiz, der nicht wehtut, ein kleiner Schubs in die richtige Richtung, aber so, dass sich keiner bevormundet fühlt. Gleichberechtigung im Schongang.

          Mittlerweile ist ein knappes Viertel der Elterngeldbezieher Männer. Zum Vergleich: Das bis 2006 gezahlte Erziehungsgeld nahmen nur 3,5 Prozent der Väter in Anspruch. Man könnte also sagen: immerhin. Doch knapp drei Viertel dieser Männer bleiben lediglich zwei Monate zu Hause – der gleiche Anteil der Frauen jedoch zehn bis zwölf Monate.

          F.A.Z.-Newsletter Familie
          F.A.Z.-Newsletter „Familie“

          Leben mit Kindern: Die wichtigsten Artikel zu Familienorganisation, Erziehung, Finanzen, Schule, Wohnen und Freizeit. Abonnieren Sie den Newsletter „Familie“.

          Abseits der Statistik bedeutet das: Frauen hängen in der Zwei-Monats-Falle. Und mit ihnen die Männer, die gerne länger Elternzeit nehmen würden, aber sich schon bei der Vorstellung daran unwohl fühlen. Denn viele Arbeitgeber akzeptieren zwei männliche Alibi-Monate – ein bisschen hip ist es ja auch. Doch alles, was darüber hinaus geht, wird bestenfalls zähneknirschend hingenommen. Es gibt Männer, die wechseln den Job, ehe sie ihre Familienplanung in die Tat umsetzen – weil Elternzeit unweigerlich das Ende jeglicher Karriere in der Firma bedeuten würde. Mancher Mann rühmt seine zwei Monate Elternzeit als Beitrag zur weiblichen Emanzipation. Und splittet sie in zwei vierwöchige Urlaube. Urlaub, vom Staat bezahlt.

          Es muss sich etwas ändern. Neben dem Mutterschutz sollte es einen Vaterschutz geben. Mama: sechs Wochen vor der Geburt, acht Wochen nach der Geburt. Papa: 14 Wochen nach der Geburt. Und zwar verpflichtend. Das wäre schön für die Familie, hätte Vorteile für den Mann, schließlich müsste er sich nicht mehr in den ersten drei Monaten nach anstrengenden, schlafarmen Nächten zur Arbeit schleppen. Er müsste sich auch nicht rechtfertigen, wenn er drei Monate Elternzeit nimmt, weil er ja ohnehin länger fehlt. Und auf dem Arbeitsmarkt würde kein junger Mann einer gleichaltrigen Frau vorgezogen mit dem – natürlich niemals ausgesprochenen – Argument, dass er ja nicht schwanger werden kann.

          Wer jetzt mit dem Argument kommt, das sei unbezahlbar, dem sei gesagt: Natürlich ist es teuer! Aber Deutschland gibt für wesentlich unsinnigere Dinge Geld aus. Und wir wollen doch Gleichberechtigung. Und mehr Kinder. Kinder, die später die Rentenkassen füllen. Kinder, deren Zahl zunehmen wird, wenn es Frauen und Männern leichter gemacht wird, sie gleichberechtigt großzuziehen. Wir wissen, dass glückliche Menschen produktiver sind. Und stabile Familien machen glücklich. Die Lebensarbeitszeit wird ohnehin steigen, egal was Politiker in Wahlkampfzeiten behaupten. Warum die 14 Wochen nicht am Ende draufschlagen? Davon abgesehen: Wie viel Geld kosten die Fehler, die Jung-Väter auf der Arbeit machen – nicht nur weil sie übernächtigt sind, sondern auch weil sie mit ihren Gedanken vielleicht schlicht woanders sind? Vielleicht würde die Produktivität nach einem glücklichen Vaterschutz und einer stressfrei akzeptierten Elternzeit sogar steigen.

          Unabhängig von einem Vaterschutz muss das Bundeselterngeld- und Elternzeitgesetz reformiert und die Zahl der Partner-Monate auf vier erhöht werden. Das ist dann nicht mehr so ganz Alibi, tut vielleicht ein bisschen weh und, das wäre das Beste: Diejenigen, denen das zu lang ist, oder zu radikal, die lassen es einfach. Sie können ja immer noch zwei Monate Elternzeit nehmen, nur würden die dann nicht vom Staat bezahlt. Das wäre die ehrlichere Variante und würde einen Willen zur Gleichberechtigung zeigen, der nicht mit der ersten Anstrengung verpufft. Dann wird sich zeigen, wo Deutschland abseits von schönen Worten wirklich steht.

          Weitere Themen

          „Game of Thrones“ räumt bei Emmys ab Video-Seite öffnen

          12 Preise für Fantasyserie : „Game of Thrones“ räumt bei Emmys ab

          Game of Thrones stellt dabei den eigenen Rekord ein und konnte nach 2015 und 2016 erneut 12 Auszeichnungen verbuchen, darunter auch der Preis für die beste Dramaserie. Heimliche Gewinnerin des Abends war Phoebe Waller-Bridge, die für „Fleabag“ drei Emmys gewann.

          Topmeldungen

          Thunberg beim Klimagipfel : „Wie könnt Ihr es wagen!“

          Greta Thunberg kritisiert beim UN-Klimagipfel in New York die zögerliche Haltung der Politik beim Klimaschutz und reicht eine Menschenrechtsbeschwerde ein. Bundeskanzlerin Merkel antwortet: „Wir alle haben den Weckruf der Jugend gehört.“

          Pendlerpauschale : Habecks Eigentor

          Es sei doch sympathisch, wenn Politiker mal zugeben, dass sie keine Ahnung haben, heißt es. Das stimmt – bei Robert Habeck und der Pendlerpauschale aber ist es fatal.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.