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Einer wird gewinnen : Kapitalismus für Anfänger

Die Siedler von Catan Bild: F.A.Z.

Einzelkämpfer haben es nicht leicht beim Spiel „Die Siedler von Catan“. Und die Jüngsten sind wie so oft die Schnellsten.

          2 Min.

          Habt ihr eigentlich noch Spiele aus eurer alten WG, hatte unsere Freundin, die Buchhändlerin, gefragt, als wir uns im Park getroffen hatten, um den nächsten Spieleabend zu verabreden.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Ich weiß nicht, hatte ich gesagt, vielleicht irgendwo noch "Mensch ärgere dich nicht", "Monopoly" oder "Die Siedler von Catan". Gibt es das eigentlich heute noch?

          Und wie, hatte die Buchhändlerin gesagt, da gebe es ständig neue Versionen und Erweiterungen. In ihrem Laden verkaufe sie "Siedler", die im alten Ägypten oder in Wien spielten. Es gebe auch eine "Star Trek"-Variante.

          Ich kann mir nicht vorstellen, dass das mehr Spaß macht als das Original, hatte ich gesagt, und die Buchhändlerin meinte, dass wir das eben ausprobieren müssten. Außerdem habe sie wirklich mehr Lust darauf als auf das Strategiespiel, das ihr Mann unbedingt mitbringen wolle. Soweit sie es verstanden habe, gehe es dabei um die Weltherrschaft. Gewonnen hat, wer als erster alle Bestandteile für den Bau einer Atombombe zusammenbringt. Kannst du dir das vorstellen, hatte sie gefragt.

          Klingt nach Ullrich, hatte ich gesagt, und dann hatten wir den Termin abgemacht.

          Als sie zu uns kamen, war Ullrich immer noch mürrisch. Beim Essen sagte er, dass einige ja wohl nie aus ihrer Studentenzeit herausfänden und er sich für diesen Abend auf Dosenravioli und billigen Rotwein eingestellt habe.

          Meine Frau sagte, wenn es das nur wäre, Ravioli wären sicher noch im Haus, und die Tankstelle sei um die Ecke.

          Siehst du, Ullrich, alles eine Frage der Logistik, sagte die Buchhändlerin.

          Was ist Logistik, fragte unser Sohn.

          Dass man dafür sorgt, dass man die Dinge bekommt, die man braucht, sagte Ullrich.

          Die Buchhändlerin hatte inzwischen zwei Pappschachteln auf den Tisch gestellt. In der einen war "Die Siedler von Catan", in der anderen das Erweiterungsset "Seefahrer". Sie zeigte uns, wie wir aus beiden zusammen ein unregelmäßiges Achteck als Spielfeld aufbauen konnten: eine große Insel, drei kleine und eine Menge Wasser.

          Eigentlich ist alles wie früher, sagte die Buchhändlerin. Ihr habt Siedlungen, die versorgen euch mit Wolle, Holz, Steinen, Lehm und Getreide. Damit könnt ihr Straßen und neue Siedlungen oder Städte bauen.

          Ullrich murmelte etwas, das wie "Fahrraddemo-Mentalität" klang.

          Neu ist, sagte die Buchhändlerin unbeirrt, dass ihr auch Schiffe bauen und Inseln besiedeln könnt. Da gibt es die Goldfluss-Felder. Das Gold könnt ihr dann beliebig einsetzen, je nachdem, welche Ressource ihr braucht.

          Na endlich, sagte Ullrich, der Kapitalismus ist eben nicht aufzuhalten.

          Meine Frau erklärte unserem Sohn, was der Kapitalismus ist, und wir suchten uns unsere Startfelder. Die Buchhändlerin hatte ihre erste Siedlung so erbaut, dass sie Holz für Schiffsplanken und Wolle für Segel erhielt. Ullrich bekam ausreichend Stein und Getreide, was ihm aber wenig nutzte, weil ihm niemand dafür Lehm eintauschen wollte und er so keine Siedlungen bauen konnte.

          Schließlich kam unser Sohn zum Goldfluss-Feld und hatte kurz darauf das Spiel gewonnen.

          Das macht ihr extra, sagte Ullrich, ihr boykottiert mich, um einen Konkurrenten im Welthandel auszuschalten.

          Ich glaube eher, dass mit deiner Logistik etwas nicht stimmt, sagte die Buchhändlerin. Oder liegt es am Kapitalismus?

          Meine Frau fragte, ob er jetzt vielleicht Lust auf Ravioli habe.

          Und ich brachte unseren Sohn ins Bett.

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