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Spielekolumne „Einer wird gewinnen" : Eher das Prinzip Chaos

Eine Karte, eine Wendung: das Spiel „Halt mal kurz“ Bild: Frankfurter Allgemeine Magazin

Wer wird seine Spielkarten als erster los? Bei „Halt mal kurz“ hat jede abgeworfene Karte eine bestimmte Funktion, und das Spiel nimmt ständig unerwartete Wendungen.

          2 Min.

          Stimmt das eigentlich, dass die große E-Book-Welle schon wieder vorbei ist, hatte ich unsere Freundin, die Buchhändlerin gefragt, als ich sie in ihrem Laden besucht hatte, um einen neuen Spiele-Abend zu verabreden.

          Tilman Spreckelsen
          Redakteur im Feuilleton.

          Keine Ahnung, hatte sie geantwortet, meine Kunden kaufen keine E-Books, jedenfalls nicht bei mir.

          Was denn sonst, hatte ich gefragt und auf die Stapel neben der Ladenkasse geschaut.

          Krimis, lustige Bücher, Harry Potter und zur Zeit alles mit Bäumen, hatte sie gesagt. Auch Spiele, vor allem wenn es regnet. Die dürfen aber nicht zu teuer sein.

          Was heißt nicht zu teuer, hatte ich gefragt, und sie hatte gesagt, am besten unter zehn Euro, sie bringe eins davon mit. Dann hatten wir einen Termin gefunden.

          Als ich die Tür öffnete, schaute Ullrich, der Mann der Buchhändlerin, noch missmutiger als sonst.

          Ich finde das Spiel bescheuert, begrüßte er uns.

          Bild: Johannes Thielen

          Welches Spiel, fragte mein nordhessischer Cousin. Er wohnte noch immer bei uns, weil es mit der Wohnungssuche schwierig war, seit die Mietbürgschaft, die mein Onkel für ihn ausgestellt hatte, geplatzt war. Die Buchhändlerin strahlte ihn an, Ullrichs Miene verfinsterte sich weiter.

          „Halt mal kurz“, sagte Ullrich, und als ihn mein Cousin verständnislos ansah, sagte Ullrich, dass das Spiel eben so heiße und dass er auch nichts dafür könne.

          Ullrich hätte lieber nochmal „El Grande“ gespielt, sagte die Buchhändlerin, er sagt, dass das eher seine Welt ist.

          Und was ist mit dieser Welt, fragte mein Cousin und zeigte auf das Kartenspiel in der Hand der Buchhändlerin.

          Das ist eher deine, sagte Ullrich.

          Nach dem Essen öffnete die Buchhändlerin und las die Regeln vor. Das Spiel stammt von Marc-Uwe Kling, dem Autor der Känguru-Bücher, sagte sie, deshalb auch die Kängurus auf manchen der Karten.

          Und deshalb die quatschigste Spielanleitung, die ich je gelesen habe, sagte Ullrich brummig.

          Lasst ihn, sagte die Buchhändlerin zu uns. Dann erklärte sie, dass jeder von uns Spielkarten bekomme und diese möglichst als erster loswerden müsse. Weil aber jede Karte noch eine bestimmte Funktion habe, nehme das Spiel ständig unerwartete Wendungen. Etwa die Karte „Vollversammlung“ ...

          Sag ich doch, deine Welt, sagte Ullrich zu meinem Cousin.

          ... bedeutet, sagte die Buchhändlerin unbeirrt, dass alle darüber abstimmen, wer welchem anderen Spieler eine Karte aufdrücken dürfe.

          Oder hier, „Kommunismus“ - ha! rief Ullrich dazwischen -, wenn diese Karte ausgespielt wird, gibt jeder seine Karten her, alle werden gemischt und neu verteilt, sagte die Buchhändlerin.

          Unser Sohn fragte noch, warum man auf die Karte „Nazi“ immer hauen musste und gewann beim Spiel jeden der eingestreuten Schnick-Schnack-Schnuck-Wettbewerbe, Ullrich musste seine Karten offen vor sich hin legen, weil die Buchhändlerin gegen ihn ihre Polizisten-Karte ausgespielt hatte, und meine Frau, die ganz hinten lag, zwang mich mit ihrer „Ach, mein... dein... das sind doch bürgerliche Kategorien“-Karte zum Tausch unserer Stapel, gerade als ich nur noch zwei Karten in der Hand hatte.

          Am Ende hatte Ullrich gewonnen.

          Planen kann man hier nichts, oder, sagte mein nordhessischer Cousin. Tja, sagte Ullrich zufrieden, das mit der Planwirtschaft hat eben noch nie so richtig funktioniert.

          Das hier war eher das Prinzip Chaos, oder, sagte die Buchhändlerin.

          Und ich brachte unseren Sohn ins Bett.

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