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Weihnachtslied-Ausstellung : Kinderleins Welterfolg

  • -Aktualisiert am

Egal, ob jung oder alt: Viele Weihnachtslieder begleiten uns ein Leben lang, auch „Ihr Kinderlein kommet“ ist ein globaler Klassiker. In Augsburg begibt sich eine Ausstellung auf dessen Spuren.

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          Christoph von Schmid war einmal ein berühmter, viel gelesener Autor. Seine Werke erschienen in unzähligen Auflagen und Dutzenden Übersetzungen. Sogar in Japan wollte man „Die Ostereier“ lesen und im arabischen Sprachraum seine „Genovefa“. Clemens Brentano, Marcel Proust und Golo Mann zählten zu seinen Bewunderern, ebenso König Ludwig I. von Bayern, der ihm das Adelsprädikat verlieh. Und ein englisches Sammelwerk mit deutschen Balladen und Liedern führt Schmid um 1875 sogar auf Augenhöhe mit Goethe und Schiller.

          Heute ist sein Name so gut wie vergessen, auch wenn er, ganz klein gedruckt, in jedem Gotteslob und jedem Gesangbuch unter jenem Lied steht, das ihn unsterblich gemacht hat: der internationale Weihnachts-Evergreen „Ihr Kinderlein kommet“. Die Staats- und Stadtbibliothek in Augsburg, wo der 1768 in Dinkelsbühl geborene Geistliche als Domkapitular wirkte und 1854 starb, bewahrt Schmids einzige eigenhändige Niederschrift des Liedes. Dessen bislang im Dunkeln liegende Entstehungsgeschichte und seinen Siegeszug um die Welt hat das Haus nun anlässlich des 250. Geburtstags des Autors erforscht. Die Ergebnisse breitet es im hübschen Cimelien-Saal der Bibliothek aus, die schon als Bau eine Sehenswürdigkeit darstellt.

          Bild: Eckhart Matthäus

          Als heiße Spur entpuppte sich das Wasserzeichen des Autographs: Das Papier, auf dem Schmid mit brauner Tinte in feiner deutscher Kurrentschrift reimte und korrigierte, wurde frühestens 1803 und spätestens 1808 hergestellt. Die zweite Spur führt über die Erstveröffentlichung, noch ohne Noten, in einem Kirchenliederbuch ins Jahr 1811. Noch ein paar Indizien mehr, und die findigen Forscher konnten sagen: „Ihr Kinderlein kommet“ entstand höchstwahrscheinlich 1808/1810, damit später und an anderem Ort als bislang vermutet.

          Ab sofort darf sich Thannhausen im Landkreis Günzburg Geburtsort des vielgeliebten Liedes nennen, dessen Verfasser damals dort Benefiziat und Schuldirektor war. Stolz ist die Stadt ohnehin schon lange auf ihn, sein Denkmal steht vor dem Rathaus. Schmid, der selbst in einer kinderreichen Familie aufwuchs, gilt als begnadeter und innovativer Pädagoge. Da es an Lehrmaterial fehlte, verfasste er Schulbücher, die er auf eigene Kosten drucken ließ, und eine Biblische Geschichte schrieb er eigens für Schulanfänger nur mit einsilbigen Wörtern. In dem schwäbischen Städtchen beginnt auch seine literarische Karriere mit Erzählungen, „zu denen sich doch gerade die Kinder mit Inbrunst drängen“, wie Adalbert Stifter urteilte, „und die nicht nur sie, sondern auch Erwachsene mit heißen Tränen und mit heiligen Gefühlen lesen“.

          Was weiter mit dem Weihnachtslied geschah, kann man eine ökumenische Erfolgsgeschichte nennen. Der evangelische Volksschullehrer und Organist Friedrich Hermann Eickhoff in Gütersloh findet es eines Tages in einem Leitfaden für Lehrer eindringlich für den Religionsunterricht empfohlen. Kurzerhand unterlegt er die Strophen mit der Weise, die der dänische Hofkapellmeister Johann Abraham Peter Schulz (derselbe, der auch „Der Mond ist aufgegangen“ vertonte) eigentlich für ein Frühlingslied komponiert hatte.

          1832 übernimmt Eickhoff das Lied in seine „Sechszig deutschen Lieder für dreiszig Pfennig“, die sein Schwiegervater Carl Bertelsmann druckt und immer wieder auflegt. Tatsächlich entwickelte sich ja der Bertelsmann-Konzern aus einem Verlag für erbaulich-religiöse Schriften; auch in dessen ersten Bestseller, die „Kleine Missionsharfe“, gelangt das Lied von den Kindern an der Krippe, und über die Riesenauflagen findet es mitsamt der heute weltbekannten Schulz-Melodie in unzählige Familien. Doch entdeckten die Ausstellungsmacher noch eine Reihe vergessener Vertonungen, über QR-Codes kann man sie anhören.

          Durch Europa nimmt das Lied seinen Weg über deutschsprachige Bevölkerungsgruppen etwa im Sudetenland in Tschechien, im rumänischen Banat oder das Elsass in Frankreich. In England soll es, ebenso wie der Weihnachtsbaum, mit Königin Victorias Prinzgemahl Albert von Sachsen-Coburg und Gotha Einzug gehalten haben, und nach Amerika nahmen es protestantische Auswanderer mit. Längst singt die Welt Christoph von Schmids Lied in allen erdenklichen Übersetzungen, im Grad seiner Verbreitung allenfalls geschlagen vom österreichischen „Stille Nacht, Heilige Nacht“, das im Übrigen am diesjährigen Heiligen Abend seinen 200. Geburtstag feiert.

          Die Ausstellung

          „Ihr Kinderlein kommet!“ Mythos – Geschichte – Welterfolg des bekannten Weihnachtsliedes

          In der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, bis 21. Dezember. Der Katalog kostet 19,80 Euro.

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