https://www.faz.net/-gqz-81n72

Animationsfilm : Wie uns „Home“ heimleuchtet

Die ethnische Säuberung verlief sehr rücksichtsvoll: Der Außerirdische Oh und das Mädchen Tip. Bild: AP

Aus Amerika kommt ein Animationsfilm über einen niedlichen Außerirdischen, der aber nur Staffage ist im überlangen Werbespot eines Musikmegastars.

          „Home“ ist ein verheißungsvoller Name für einen Familienfilm, und auch wenn der Untertitel „Ein smektakulärer Trip“ in typisch deutscher Verleihtradition alles alberner als nötig macht, steht doch die Suche einer niedlichen außerirdischen Lebensform namens Boov nach einem Zufluchtsort vor den dämonisch-aggressiven Gorg in bester Abenteuertradition, die Kindern und Erwachsenen gleichsam Spaß bereiten soll. Das ist ja der Erfolgsrezept des Trickfilms seit Walt Disney: alle Generationen ansprechen.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Das amerikanische Dreamworks-Studio, dessen größte Errungenschaft, die Serie der „Shrek“-Filme schon einige Zeit zurückliegt, hatte zuletzt mit „Drachenzähmen leicht gemacht“ doch noch gleich zweimal Glück an der Kinokasse und in den Ladenregalen mit Plüsch- und Plastikfiguren. Entscheidend dafür war der niedlich amorphe Drache Ohnezahn, der als Figur ohne Ecken und kanten gezeichnet, aber mit etlichen ungestümen Eigenschaften ausgestattet war, die ihn für Kinder zum idealen Identifikationsobjekt machten. Daraus hat man bei Dreamworks für „Home“ einiges gelernt.

          Die Hauptfigur Oh (so heißt der kleine Außerirdische, weil alle seine Artgenossen bei seinem Anblick seufzen, denn er ist als einziger Boov sozial eingestellt und gilt deshalb als Nervensäge) ist gezeichnet wie Ohnezahn als Zweibeiner – wobei man eigentlich sagen müsste: Sechsbeiner, denn Oh bewegt sich wie alle Boov auf einem halben Dutzend kurzer Tentakeln. Er hat die großen Augen und den breiten Mund des kleinen Drachens sowie dessen dunkle Hautfärbung, die sich allerdings chamäleonartig verändern kann, je nachdem, was Oh gerade so denkt. Vor allem aber ist er genau wie Ohnezahn unschuldig-naiv, was er jedoch mit seiner ganzen Spezies gemein hat, die mit bestem Gewissen auf der Erde landet, alle Menschen nach Australien transportiert und sich dann in den leergeräumten Städten selbst ansiedelt.

          Grammatikalische Sonderheiten kleinwüchsiger Außerirdischer

          Diese ethnische Säuberung verläuft allerdings sehr rücksichtsvoll, denn in Australien hat man den Menschen Disneyland-artige Mustersiedlungen errichtet, in denen sie sich pudelwohl fühlen. Wäre da nicht die alleinerziehende Lucy, die durch einen Zufall während der Menschenlandverschickung von ihrer dreizehnjährigen Tochter Tip getrennt worden ist.

          Gemeinsam mit deren Katze namens Schwein ist das Mädchen zurückgeblieben, und durch einen Zufall trifft sie auf Oh. Mit ihm begibt sie sich auf die Suche nach der verzweifelten Mutter.
          So hat man für jede Altersgruppe einen Sympathieträger: Oh für die Kleinsten, Tip für die etwas Größeren, Lucy für die Erwachsenen. Und für alle zusammen als lächerliche Figur den albernen Captain Smek (daher das Wort „smektakulär“), den Anführer der Boov, der seinem Amt nicht gewachsen ist. Weil die Boov alle sehr verdreht und geschraubt sprechen, mit grammatikalischen Sonderbarkeiten, wie sie E.T. und Yoda für kleinwüchsige sympathische Außerirdische etabliert haben, gibt es auch sonst etwas zu schmunzeln – zumindest bis sich der anfängliche Verblüffungseffekt über diese Sprache legt.

          Und dann beginnt die große Langeweile. Denn hier läuft alles wie am Richtschnürchen ab. Keine einzige Überraschung, und je länger man zuschaut, desto mehr kann man sich nur noch dafür interessieren, wie perfekt hier alle Marketinginstrumente genutzt werden. Die Boov sind schon gestaltet wie kleine Plastikfigürchen, die man im Kinofoyer beim Kauf von Getränken und Speisen geschenkt bekommen kann. Wie schön, dass Oh just aus solchen Nahrungsprodukten den Antrieb für ein von ihm zum fliegenden Verkehrsmittel umgebautes Auto gewinnt. So sind Popcorn, Softdrinks, Chips blendend integriert. Eigentlich ist „Home“ ein großer Imagefilm für Fastfood.

          Identifikationsfiguren für alle Altersklassen: Lucy, gesprochen von Jennifer Lopez, und Tip, gesprochen von Rihanna. Leider nur im Original.

          Crossmarketing vom Dreistesten

          Mehr aber noch ist er ein Popmusikvehikel. Denn Tip wird von der Sängerin Rihanna gesprochen, einem aus Barbados stammenden Star – und prompt wird auch Tip als Mädchen aus Barbados eingeführt. Dass sie viel dunkelhäutiger ist als ihre Mutter Lucy liegt daran, dass die Figuren möglichst stark ans Aussehen ihrer prominenten Stimmen erinnern sollen, und Lucy wird eben von Jennifer Lopez gesprochen. Dass Lieder von J.Lo im Fim vorkommen, ist natürlich nur ein Zufall, denn dass zwischen den zahllosen Rihanna-Songs noch Zeit dafür bleiben konnte, war eigentlich kaum vorstellbar. Hier wird Crossmarketing vom Dreistesten betrieben.

          Und wie dumpf ist diese Musik! Was Rihanna kann und wie sehr ihre Lieder auch als Filmmusik taugen, konnte man erst vor wenigen Wochen in dem französischen Spielfilm „Bande de filles“ sehen: Vier junge Frauen inszenieren sich selbst zu dem Lied „Diamonds“ des vergötterten Stars. Das war deshalb so grandios, weil dabei das Image von Rihanna zum Beweggrund einer Sequenz wurde, dank derer man die Figuren besser versteht. In „Home“ verhält es sich entscheidend anders: Das Image von Rihanna ist der Beweggrund der gesamten Filmproduktion. Mehr gibt es da nicht zu verstehen.

          Das muss einem also klar sein, wenn man den Film besucht: Es ist ein einziger großer Werbespot, den man mit einer ärmlichen Handlung auf anderthalb Stunden gestreckt hat. Ein paar niedliche Gesichtsausdrücke der Katze Schwein und eine sehr perfekte Umsetzung der Mimik Rihannas in ihre gezeichnete Figur können nichts daran ändern, dass „Home“ eine große Enttäuschung ist. Vor allem, wenn man einen der Trailer gesehen hat, in denen noch Szenen enthalten waren, die die Reise der Boov zur Erde schilderten. Von dieser Odyssee durch verschiedene Welten ist im fertigen Film nichts übrig geblieben. Auch das ist bezeichnend: Dieses aufdringliche Plädoyer für Harmonie zwischen den Lebensformen hat alles ausgespart, was auch nur humoristisch Konflikte erzeugen könnte.

          Weitere Themen

          Transformers wird gerettet Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Bumblebee“ : Transformers wird gerettet

          Wer bisher kein Fan von den Transformers-Filmen war, sollte sich „Bumblebee“ trotzdem nicht entgehen lassen. Wie Charlie Watson gespielt von Heilee Steinfeld zusammen mit dem gelben Käfer die Reihe rettet, erklärt Dietmar Dath.

          „Bumblebee“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Bumblebee“

          Am 20. Dezember kommt der Prequel des 2007 Transformers „Bumblebee“ in die deutschen Kinos. Im Mittelpunkt steht der gleichnamige Transformers-Charakter.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.