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: Die Rolle der Kinder im Pandemie-Geschehen

  • -Aktualisiert am

Bild: Marzanna Syncerz/Adobestock

Infektionen mit dem neuen Coronavirus verlaufen bei den meisten Kindern mild, bei wenigen treten schwere Komplikationen auf. Die jungen Patienten sind oft weniger infektiös und nach aktuellen Erkenntnissen keine Treiber der Pandemie. Zukünftige Ausbrüche in Schulen und Kindergärten sollten sorgfältig analysiert werden.

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          Kindern ist nicht zu trauen: Entweder sind sie krank, oder sie täuschen vor, es nicht zu sein. Und an Abstandsregeln können sie sich sowieso nicht halten. Dieser Eindruck kann angesichts der Diskussion zur Rolle von Kindern in der Covid-19-Pandemie entstehen. Ein Beispiel dafür war die Aufregung um eine Studie aus Berlin im April dieses Jahres, die eine eher niedrigere, sicher aber nicht höhere Sars-CoV-2-Virusdichte in Abstrichen von jungen Patienten verglichen mit Erwachsenen zeigte. Diese im Prinzip gute Nachricht wurde paradoxerweise als kindliche Perfidie interpretiert: Und sie sind doch ansteckend!


          Längere Beobachtungszeiträume sind erforderlich

          Zurzeit werden wöchentlich über 1500 wissenschaftliche Publikationen zum neuen Coronavirus veröffentlicht. Was angesichts des Drucks aus Medien, Politik und Forschung fehlt, ist die Vorsicht bei der Interpretation von sehr fehleranfälligen Daten über eine neue Erkrankung. Größere Sicherheit könnte von einer gewissenhaften Langzeitbeobachtung gut definierter Bevölkerungsgruppen ausgehen. In dieser Hinsicht hat die Arbeitsgruppe um Arnold Monto von der University in Ann Arbor, Vereinigte Staaten, Maßstäbe gesetzt. Die Berichte über die jahrelange epidemiologische Beobachtung der Bevölkerung von Tecumseh, einer Kleinstadt in Michigan, bilden auch fast 50 Jahre nach ihrer Veröffentlichung eine eindrucksvolle Lektüre. Sie zeigen, dass es normal ist, wenn Kleinkinder bis zu zehn Atemwegserkrankungen im Jahr durchmachen. Zwei Artikel sind dabei von verblüffender Aktualität: 1971 und 1974 traten Ausbrüche der damals neu identifizierten Coronavirus-Stämme 229E und OC43 auf. Obwohl Kleinkinder etwas häufiger infiziert waren, wurde eine „besondere Beteiligung von Kindern unter fünf Jahren (…) nicht festgestellt“. Arnold Monto rechnete damit, dass nur etwa die Hälfte der infizierten jungen Patienten symptomatisch, das heißt sichtbar krank waren.

          Dies entspricht der aktuellen Datenlage zu Sars-CoV-2: 20 bis 50 Prozent der infizierten Kinder zeigen keine wesentlichen Krankheitssymptome, und tödliche Verläufe sind glücklicherweise eine Rarität. Symptome treten bei Patienten unter 14 Jahren im Schnitt nur für sieben Tage auf, im Vergleich zu bis zu 14 Tagen bei älteren Jugendlichen und Erwachsenen. Auch machen normale Alterungsprozesse die Atemwege älterer Menschen empfänglicher für das Virus. Hinzu kommt, dass die kindliche Schleimhaut der Luftwege eine geringe Dichte des Sars-CoV-2-Rezeptors ACE2 aufweist. Das wiederum bedeutet, dass das Virus bei Älteren besser in den Körper eindringen kann. Zudem leiden Erwachsene mit Covid-19 häufiger als Kinder an Infektionen der unteren Atemwege wie Bronchitis und Pneumonie. Dort entstehen besonders die gefürchteten, da sehr ansteckenden feinen Tröpfchen.


          Eigener Haushalt und enger Kontakt als Infektionsquellen

          Aktuelle Untersuchungen zeigen: Die Wahrscheinlichkeit, sich bei einem an Covid-19 erkrankten erwachsenen Mitglied desselben Haushalts anzustecken, ist mit 20 Prozent moderat. Bei einem infizierten Kind ist das Risiko offenbar noch geringer. Allerdings steigt die Ansteckungsgefahr bei engem Kontakt, beispielsweise zwischen Eltern und Kindern, erheblich. So sinnvoll eine häusliche Quarantäne erscheint – es bleibt unsicher, wie die damit verbundenen intensiveren innerfamiliären Kontakte die Erkrankungswahrscheinlichkeit beein­­flussen. Die beobachtete Verschiebung der Coronavirus-Übertragung von außerhäuslichen Kontakten zu solchen innerhalb derselben Haushalte im Verlauf der Pandemie sind ein Warnhinweis. Zumindest kann davon ausgegangen werden, dass der proklamierte positive Effekt einer Schließung von Kindergärten und Schulen auf das Infektionsgeschehen begrenzt ist, wenn kein genereller Lockdown stattfindet.

          Der im Durchschnitt mildere, und somit vermutlich weniger infektiöse kindliche Verlauf von Covid-19 schließt keineswegs aus, dass junge Patienten sehr krank werden können. In diesem Zusammenhang hat eine seltene Entzündungserkrankung, die dem sogenannten Kawasaki-Syndrom ähnelt, viel Aufmerksamkeit erhalten. Forscher aus den Vereinigten Staaten berichteten kürzlich, dass eine Genvariante im Entzündungsregulator SOCS1 mit einem sehr schweren Covid-19-Verlauf bei einem 17-Jährigen verbunden war. Veränderungen in einzelnen Genen sind jedoch nur selten alleine dafür verantwortlich. Experten vermuten, dass meist erst die Kombination von körpereigenen und äußerlichen Faktoren, zum Beispiel der Körperflora und Lebensstilfaktoren, zu schweren Verläufen führt.

          Kinder sind nach derzeitigem Erkenntnisstand keine Treiber der Pandemie, aber dennoch Betroffene und Teil des Gesamtgeschehens. Hygienemaßnahmen möglichst unaufgeregt, aber konsequent im öffentlichen Raum umzusetzen bildet die Basis für ein Leben mit dem neuen Coronavirus. Hier sollten Schulen und Kindergärten zur Entwicklung lokal angepasster Lösungen motiviert werden. Vorläufig bleibt unsicher, ob Infektionen mit Sars-CoV-2 oder Impfungen dagegen einen hochwirksamen und langanhaltenden Schutz gegen das Virus bieten. Arnold Monto wusste schon in den Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts über Coronaviren: „Reinfektionen sind häufig“. Eine kürzlich in der renommierten Fachzeitschrift „Nature Medicine“ publizierte Arbeit geht von einer Schutzdauer von zirka zwölf Monaten aus.

          Es wird bei allen Bemühungen immer wieder zu lokalen Ausbrüchen kommen, in Kindergärten, Betrieben und Altenheimen. Diese sind sorgfältig zu analysieren, damit die Sicherheit für den Umgang miteinander und zwischen den Generationen Schritt für Schritt wiederhergestellt werden kann

          Professor Dr. med. Philipp Henneke, pädiatrischer Infektiologe und Immunologe, ist Abteilungsleiter am Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin und am Institut für Immundefizienz des Universitätsklinikums Freiburg.

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