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Geburtenraten : Warum der Westen anders tickt als der Osten

Kleine Schritte: Die Eiszeit sinkender Geburtenraten ist vorbei Bild: F1online

Ohne Ostdeutschland wäre die Bundesrepublik immer noch das Land mit der höchsten Kinderlosigkeit Europas: Auch ein Vierteljahrhundert nach der Einheit setzt sich der demographische Ost-West-Unterschied fort.

          Es galt lange als ausgemacht, dass sich die Geburtenraten in Ostdeutschland jenen im Westen angleichen würden, dass die Frauen dankbar zu Hause bleiben und die Kindererziehung wieder in die Hand nehmen würden. Zumal sich ein völliger Mentalitätswandel andeutete, als die ostdeutschen Geburtenraten bis 1994 unter ein Prozent fielen. Das ist nicht eingetroffen. Die Differenzen haben sich zum Teil sogar verfestigt, auch wenn sich die Gesamtkinderzahl ostdeutscher Frauen nach kurzzeitiger Steigerung inzwischen tatsächlich auf „Westniveau“ eingependelt zu haben scheint. Gleichzeitig deutet sich nun in Westdeutschland eine Trendwende an, weil dort für den Frauenjahrgang (Kohorte) von 1969 – zum ersten Mal seit Jahrzehnten – ein moderater Anstieg der Gesamtkinderzahl verzeichnet werden konnte. Ob das einer der erhofften Effekte vernünftiger, moderner Familienpolitik ist, wird sich noch zeigen.

          Regina Mönch

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Die vorhandenen Messdaten zur endlich verbesserten Betreuungsinfrastruktur im Westen, zu familienpolitischen Reformen und gestiegener Kinderzahl deuten darauf hin. Trotzdem warnt die Soziologin Michaela Kreyenfeld vom Max-Planck-Institut für demographische Forschung in Rostock vor zu schnellen Schlüssen. Für die Beurteilung langfristiger Effekte sei es zu früh. Kreyenfeld hat zahlreiche Ost-West-Studien zur Geburten- und Familienentwicklung koordiniert und plädiert dafür, diese aufschlussreichen Vergleiche weiterzuführen, auch wenn die Zweistaatlichkeit Deutschlands schon seit einem Vierteljahrhundert beendet ist. Sie begründet diese Forderung unter anderem damit, dass Studien bisher deutlich zeigten, wie prägend die DDR-Zeit für Lebensentwürfe und die Berufstätigkeit von Frauen mit Kindern war. Neue Erhebungen zeigten aber auch, dass sich immer weniger Familien im Osten – im Vergleich zu jenen Jahrgängen, die vor dem Mauerfall eine gründeten – für ein zweites Kind entschieden.

          Ähnlich prägend seien auch westdeutsche Traditionen. Immer noch sind dort drei Viertel aller Frauen mit Kindern verheiratet, trotz hoher Scheidungsraten. Auch stieg der Anteil der nichtehelichen Lebensgemeinschaften (mit Kind) von vier Prozent 1996 auf lediglich sechs Prozent im Jahr 2012. In Ostdeutschland sind nur noch etwas mehr als die Hälfte der Frauen mit Kindern unter 18 Jahren verheiratet und fast drei Viertel der ersten Kinder werden außerehelich geboren. Der „strikt säkulare“ Osten habe kaum Kirchenmitglieder, im Westen halte diese Tradition. Die Quote berufstätiger Frauen sei im Westen, dank besserer Kinderbetreuung, endlich etwas gestiegen, zu oft noch in Teilzeitjobs. Gleichzeitig sei das Alter der Frauen bei Geburt des ersten Kindes in Ostdeutschland rasant gestiegen, von im Durchschnitt 22 Jahren bis zur Wende auf inzwischen 28 Jahre. Auch der Anteil der kinderlosen Frauen ist gestiegen, während er im Westen sank, allerdings von einem hohen Niveau. Ohne Ostdeutschland, so Kreyenfeld, wäre die Bundesrepublik immer noch das Land mit der höchsten Kinderlosigkeit Europas.

          Zum Teil sind die Differenzen noch gewachsen

          Gemeinsam mit dem Soziologen Norbert Schneider, Direktor des Bundesinstitutes für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden, diskutierte Kreyenfeld jetzt im Wissenschaftsforum am Gendarmenmarkt in Berlin den Sinn der Ost-West-Differenzierung in der Familienforschung. Beide sind dafür, sie beizubehalten. Norbert Schneider erinnerte daran, dass an ihrem Sinn bereits 1995 gezweifelt wurde, weil alle überzeugt gewesen seien, die der Zweistaatlichkeit geschuldeten Unterschiede würden sich naturgemäß auflösen. Eine Position, die auf der von Wolfgang Zapf und Steffen Mau formulierten These der nachholenden Modernisierung basierte, so Schneider. Man sei davon ausgegangen, dass sich die Situation der Familien im Osten rasch jener im Westen angleichen würde. Teilweise jedoch kam es umgekehrt. Die sogenannte Divergenzthese hält Schneider für überzeugender. Zum einen unterstelle sie einen dauerhaften Effekt wegen unterschiedlichster Erfahrungen in zwei Staaten vor allem den vor 1970 Geborenen - was sich bewahrheitet hat. Zum anderen berücksichtige sie neuere Entwicklungen wie Globalisierung oder Individualisierung, die in der geeinten Gesellschaft trotzdem auf unterschiedliche Strukturen und Traditionen träfen und dadurch wiederum divergente Entwicklungen erzeugten. Schneider zeigte zudem am Beispiel der außerehelichen Geburten, dass es Ost-West-Unterschiede auch schon vor der Zweistaatlichkeit gegeben habe. Diese seit 1872 erhobenen Daten zeigten ohne Unterbrechung für den Osten Deutschlands höhere Werte.

          Schneider wie Kreyenfeld erwähnten methodische Probleme des Ost-West-Vergleiches, vor allem die Berlin-Frage. Die Hauptstadt wurde immer ausgenommen, was problematisch sei. Die Binnenwanderung seit 1990 werfe neue Fragen auf, zumal sie vor allem jüngere Altersgruppen betreffe und die Vergleichsmöglichkeiten einschränke. Was für die Einbeziehung des ostwestlich durchmischten Berlins spricht. Auch Schneider bringt empirische Belege, dass Differenzen nicht nur fortbestehen zwischen Ost und West, sondern sich teilweise sogar vergrößerten - etwa bei der Vollerwerbstätigkeit von Müttern, bei nichtehelichen Geburten, Alleinerziehenden und nichtehelichen Familien. Andererseits zeigten sich Annäherungstendenzen auf anderen Feldern. Die Familienentwicklung sei somit in beiden Landesteilen anders verlaufen, als dies ohne Wiedervereinigung der Fall gewesen wäre.

          Über das Fazit der Diskussion herrschte seltene Einigkeit: Weil dieses demographische Forschungsfeld einmalig bleibe im europäischen Vergleich, sollte es weiterhin genutzt werden, um veränderte Lebensformen besser zu verstehen.

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