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Aufmerksamkeitsstörung : ADHS, Lügen und andere Bestseller

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Sein Kollege Michael Huss aus Mainz stellte ein eindrucksvolles Beispiel für das mediale Interesse an ADHS-Kritik vor: Der bis dahin unbekannte Chicagoer Neurologe Richard Saul schaffte es mit seinem Buch „ADHD does not exist“ Anfang dieses Jahres, von den meisten großen englischsprachigen Medien wahrgenommen zu werden. Saul berichtet von seinen eigenen Patienten: einem Mädchen, das lediglich eine Brille brauchte, um die Tafel besser zu erkennen, dann war es von seiner störenden Unaufmerksamkeit im Schulunterricht genesen; einem unruhigen jungen Mann, der schlicht zu viel Kaffee trank; einem Grundschüler, der besser in Mathematik war als andere und augenblicklich aufhörte, den Unterricht zu sabotieren, als man ihn eine Klasse überspringen ließ.

Ein großes Defizit an Alternativen

Vielleicht sei die Erklärung für die massive Kritik an der Diagnose ADHS ganz einfach, lautete ein Beitrag aus dem Berliner Publikum: „Es geht um Kinder und Pillen.“ Kindern, die nicht einwilligungsfähig sind, Tabletten zu verordnen, die im Fall von Methylphenidat Nebenwirkungen wie Wachstumsverzögerung, Schlafstörungen und Appetitverlust mit sich bringen, sei einfach ein Sündenfall, der viel Protest auslöse. Tatsächlich wird mehr als siebzig von hundert ADHS-Patienten mindestens einmal Methylphenidat verordnet; das belegen die neuen Daten des Versorgungsatlas.

Alternativen fehlen noch immer. Omega-3-Fettsäuren, Meditation, Sport, Bewegung, Elterntrainings erbringen in Studien keine konsistenten Ergebnisse, einige Verfahren können sogar klar in das Reich des Aberglaubens verwiesen werden, etwa die seit den siebziger Jahren kursierende Ernährungsideologie der sogenannten „Phosphatliga“, einer Gruppierung, die auf phosphatarme Diäten für hyperaktive Kinder setzte. Martin Holtmann aus Hamm, der auf die Alternativen einging, empfahl ein stärker individualisiertes Vorgehen als bisher. So reagiert möglicherweise eine kleine Untergruppe von ADHS-Kindern auf Diäten; bei anderen könnte Ergotherapie oder ein Training der Eltern helfen.

Aufschwung für Skeptiker

Noch muss im klinischen Alltag aber offenbar mit großer Schnelligkeit und wenig individuellen Rücksichten eine Lösung gefunden werden. Am Rande der Tagung tauschten sich Ärzte und Therapeuten über den enormen Leidensdruck von Eltern und Kindern aus, die sich in dem Moment in den Praxen vorstellen, wenn die gesamte Familie sich mitten in einer akuten Krise befindet. Längst haben dann Lehrer Druck ausgeübt, Kinder sind verzweifelt, weil Erwachsene und Gleichaltrige sie wegen ihres Verhaltens ablehnen, Eltern bringt die Impulsivität ihres Kindes an den Rand der Erschöpfung.

„Ich möchte mich nicht mehr ständig verteidigen müssen, dass ich den Familien helfe, die zu uns kommen“, sagte der Würzburger Klinikleiter Marcel Romanos - ein Wunsch, der wohl nicht allzu bald in Erfüllung geht: Richard Sauls aufsehenerregendes Buch wird im kommenden März in Deutschland unter dem Titel „Die ADHS-Lüge“ erscheinen. Die Skeptiker haben dann wieder frischen Rückenwind.

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