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Aufmerksamkeitsstörung : ADHS, Lügen und andere Bestseller

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Damit ist man mittendrin in der Kontroverse, die sich nun seit Jahrzehnten am Störungsbild ADHS entzündet. Die Geschichte der Störung ist kurz: Zwar wurden schon vor Jahrhunderten Menschen beschrieben, die besonders impulsiv waren und ihre Aufmerksamkeit schlecht für längere Zeit auf eine Aufgabe richten konnten. Krankheitswert wurde dem Verhalten aber erst mit dem Erscheinen der zweiten Fassung des amerikanischen Klassifikationssystems psychiatrischer Diagnosen, dem DSM-II, zugeschrieben; im Jahr 1968 war die Störung darin unter dem Namen „Hyperkinetic Reaction of Childhood“ aufgeführt.

Auf der Suche nach Ursachen

Seit dieser Zeit wurden immer mehr Kinder mit der Diagnose ADHS belegt, auch in Deutschland. Erst in diesen Tagen sind neue Zahlen veröffentlicht worden. Aus Verordnungs- und Abrechnungsdaten haben Mitarbeiter des Forschungsprojektes versorgungsatlas.de errechnet, dass allein zwischen 2008 und 2011 die Häufigkeit der ADHS-Diagnose bei Kindern und Jugendlichen zwischen fünf und vierzehn Jahren von 3,7 Prozent auf 4,4 Prozent angestiegen ist. Jungen sind gut dreimal so häufig betroffen wie Mädchen. Dass sich bei einer so hohen Prävalenz in der Bevölkerung durchaus die Frage stellt, ob es sich noch um ein umschriebenes Störungsbild handelt oder um eine Normvariante, die angesichts gesellschaftlicher Veränderungen plötzlich als Problem behandelt wird, räumen auch die deutschen ADHS-Experten ein.

Man ziehe inzwischen zwangsläufig auch gesellschaftliche Prozesse als Ursache in Betracht, sagte Martin Holtmann, Direktor der LWL-Universitätsklinik Hamm der Ruhr-Universität Bochum, in Berlin: etwa den Wechsel von G9 zu G8, die zunehmende Berufstätigkeit der Mütter, weniger Geschwister. „Aber keine dieser Veränderungen erklärt das Phänomen ADHS ausreichend.“ Holtmann sieht dagegen ein Schwinden bestimmter Berufsnischen, in denen Betroffene früher Verwendung fanden, als bedeutsam an: Noch vor wenigen Jahrzehnten gab es Boten, die in Behörden Akten hin und her transportierten, Aufzugspagen, Hirten. „Das sind Positionen, die es für die heutigen ADHS-Betroffenen nicht mehr gibt.“

„ADHD does not exist“

In Berlin versuchte man der langjährigen Kritik der ADHS-Skeptiker mit den ersten wirklichen Beweisen dafür zu begegnen, dass ADHS mehr ist als eine Erfindung. Denn bis heute gibt es zwar keine verlässlichen Biomarker. Auch viele Hinweise auf Ursachen ließen sich nicht erhärten, etwa die Verdachtsmomente gegen Umweltgifte wie Blei und polychlorierte Biphenyle, gegen Frühgeburten und Alkoholkonsum in der Schwangerschaft. Aber immerhin gibt es inzwischen klare Belege für genetische Anteile: „ADHS ist zu siebzig bis achtzig Prozent erblich“, zog Marcel Romanos, Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Uniklinikum Würzburg, ein Fazit in Berlin. Seit 1973 verfolgt man diese Spur weltweit in unzähligen Studien mit Zwillingspaaren. Romanos resümierte mit spürbarer Enttäuschung: „Und dennoch heißt es in den Medien immer wieder: Es sind die Pestizide, die schlechten Eltern. Mit einer einzigen Nachricht wird die jahrzehntelange Forschung von vielen Menschen einfach weggewischt.“

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