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Pädagogin über Cybermobbing : Ob Mädchen oder Junge – es ist brutal

Kein Spaß für Groß und Klein: Cybermobbing Bild: Picture-Alliance

Cybermobbing an Schulen ist ein Massenphänomen. Aber was kann man dagegen tun? Ein Gespräch mit der Diplompädagogin Brigitte Seifert über das Problem und die Lösungsansätze.

          Frau Seifert, Sie sind Diplompädagogin und im Verein „contigo - Schule ohne Mobbing“ aktiv. Wie groß ist das Mobbingproblem an deutschen Schulen?

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Gemobbt wurde schon immer. Ob das Mobbing an Schulen tatsächlich zugenommen hat, kann man nicht sagen, weil keine Vergleichszahlen existieren. Fest steht aber: Die Spielarten haben sich verändert, denken Sie an das Smartphone.

          Sie sprechen von Cybermobbing

          Ja. Cybermobbing tritt vor allem in der Oberschule auf. Besonders brutal ist das happy slapping, fröhliches Schlagen: Jemand liegt auf dem Boden und wird getreten. Per Smartphone wird die Gewalttat aufgenommen und dann im Internet verbreitet. Manchmal werden richtige Szenen inszeniert. Es wird etwa gefilmt, wie sich das Opfer setzen möchte und jemand zieht ihm den Stuhl weg.

          Und in der Grundschule?

          Brigitte Seifert

          Auch dort kommt Mobbing vor, aber anders als an der Oberschule. In der Grundschule geht es in erster Linie um Ausgrenzung. Zum Beispiel bestimmt die Anführerin einer Clique, wer mit wem in der Pause spielen darf - und schließt immer eine Person aus. Ein anderes Beispiel: Die Geburtstagseinladung. Alle sagen, sie kommen zur Feier, aber am Ende kommt niemand. Typisch für Grundschulen sind die „heimlichen Helfer“ der Opfer, die nach der Schule mit dem Mobbingopfer telefonieren und sagen: „Ich habe gesehen, wer dir den Lutscher aus der Federtasche geklaut hat.“ Im Moment der Tat trauen sie sich aber nicht einzugreifen, aus Angst, selbst zur Zielscheibe zu werden.

          Wie entsteht Mobbing?

          Oft sind nicht bewältigte Konflikte der Auslöser. Sobald in der Klasse sexistische Bemerkungen fallen oder jemand sagt: „Hey, du schwule Sau, du Opfer“, sollten bei Lehrern sämtliche Alarmglocken schrillen. Solche Entgleisungen müssen sofort unterbunden werden.

          Wer mobbt eigentlich brutaler, Mädchen oder Jungs?

          Diese Frage wird gerne gestellt. Ich wehre mich jedoch dagegen, weil eine biologische Betrachtung die Tür für Stereotype öffnet und den Blick verschleiert. Ich beobachte, dass die Opfer es immer als brutal empfinden, egal, ob sie Opfer von Mädchen- oder von Jungenmobbing sind. Was mir auffällt, ist, dass es Jungen schwerer fällt, sich zu offenbaren, wahrscheinlich, weil sie sich schämen.

          Zwei amerikanische Soziologen haben in einer aufwendigen Studie Aggressionen in Schulen untersucht und festgestellt, dass es das typische Opfer nicht gibt. Deckt sich diese Erkenntnis mit Ihren Erfahrungen?

          Ja. Jeder kann Opfer werden. In jeder Gruppe herrschen bestimmte Normen. Nehmen Sie ein Kind, das eine Montessori-Schule besucht, das nachmittags gerne allein im Wald unterwegs ist. Später kommt es auf die Oberschule, und plötzlich gilt es als Exot.

          Die Schüler, ob nun Opfer oder Täter, sind die eine Seite. Auf der anderen stehen die Lehrer. Sind sie wachsam genug?

          Die Sensibilität hat zugenommen. Das liegt auch daran, dass es eine neue, junge Generation von Lehrern gibt, die offener mit der digitalen Welt umgehen und die potentiellen Gefahren besser erkennen. Und natürlich sind die extremen Mobbingfälle aus Amerika, Kanada oder Großbritannien, die im Selbstmord der Opfer endeten, durch die Presse bekannt.

          Welcher Schlichtungsweg ist bei Mobbing der beste?

          Wir vertrauen auf zwei Methoden: auf unsere Farsta/Contigo-Methode, die wir aus der Farsta-Methode weiterentwickelt haben. Der Name „Farsta“ geht auf einen Stadtteil in Stockholm zurück, in dem ein schwedischer Lehrer an einer Schule diese Interventionsmethode erprobt hat. Diese Methode ist konfrontativ: Der Täter wird ohne Vorankündigung mitten aus der Unterrichtsstunde geholt und mit seinen Taten konfrontiert. Der Ton ist kühl, sachlich, aber nicht vorwurfsvoll. In dem Gespräch rückt die Frage, wie sich dem Mobbingopfer helfen ließe, immer mehr in den Fokus, mit dem Ziel, dass der Täter das Mobbing nicht nur einstellt, sondern mit dem Opfer zusammenarbeitet.

          Und die zweite Methode?

          Die zielt auf eine Zusammenarbeit zwischen Opfer und Täter. Der Name: no blame approach. Hier wird auf eine Unterstützergruppe zurückgegriffen, um das Mobbing zu stoppen. Die Gruppe setzt sich aus einem Haupttäter, aus Mittätern und aus prosozialen Schülern zusammen und bekommt die Aufgabe, das Mobbingopfer zu unterstützen, es höflich und wertschätzend zu behandeln, ohne Schuldzuweisungen, ohne Bestrafung. Der Begriff „Mobbing“ fällt dabei kein einziges Mal.

          Was raten Sie Mobbingopfern?

          Ein Mobbing-Tagebuch zu führen, zur Gedächtnisstütze, um sich vom Geschehen zu distanzieren und Erwachsenen klarzumachen, welche Qualen erlitten werden. Sowohl Mobbingopfer als auch Eltern und Lehrer überrascht die Massivität des Mobbings oft.

          Kann ein Schulwechsel sinnvoll sein?

          Nur im absoluten Extremfall, denn dann haben die Täter gewonnen.

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