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Corona-Regelungen in Kitas : Bei Rotznase nach Hause schicken

Hin- und hergerissen zwischen Arbeit und Kinderbetreuung: Vielen Eltern graut schon vor der Erkältungswelle im Herbst und Winter. Bild: dpa

Schon eine Schnupfennase kann Kitas in Hessen jetzt reichen, ein Kind heimzuschicken. Der Kinderarzt Ralf Moebus sieht das kritisch. Er hat einen besseren Vorschlag.

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          Kleinkinder, deren Nase läuft, werden aus den Kitas nach Hause geschickt, weil die Erzieher eine Corona-Ansteckung ausschließen wollen. Ist das angemessen?

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Aus meiner Sicht nicht. Die Kinder, die in diesen Tagen zu uns in die Praxis kommen, haben keine hohe Wahrscheinlichkeit, an Covid-19 erkrankt zu sein. Im Hochtaunuskreis gab es in den letzten sieben Tagen nur eine nachgewiesene Neuerkrankung. Für Frankfurt sieht es ähnlich aus. Dort waren es innerhalb von einer Woche sieben Neuerkrankungen auf 100.000 Einwohner. Das ist sehr gering. Wir sehen Kinder mit banalen Infekt-Erkrankungen, die wir ganz eindeutig auf die typischen Erkältungsviren zurückführen können. Dass Kinder mit einer laufenden Nase ohne weitere Beeinträchtigungen zum Arzt kommen, ist nicht nötig. Wir werden im Herbst und Winter noch ganz andere Situationen erleben, wenn die üblichen Erkältungswellen über uns kommen.

          Wie ist die Lage in den Praxen?

          Für uns Kinder- und Jugendärzte hat sich die Situation in dem Moment, in dem die Kindertagesstätten geöffnet wurden, gravierend geändert. Unsere medizinischen Fachangestellten am Telefon sind gnadenlos überlastet. Es kommen immer mehr Patienten, die aus den Kitas heimgeschickt wurden. Einige Gesundheitsämter fordern eine Bescheinigung vom Arzt, dass das Kind sich nicht mit Corona infiziert hat. Das können wir nicht leisten, denn es gibt eine Restmöglichkeit eines falsch negativen Testergebnisses. Und wenn ich heute einen Abstrich mache, weiß ich nicht, wie das Ergebnis morgen oder übermorgen aussehen würde. Ich attestiere eine Scheinsicherheit, die gar nicht realistisch ist. Vor allem wissen wir nicht, wie viele unserer Kinder asymptomatische Träger dieser Infektion sind.

          Ist es angemessen, ein Kind, das mit einer Schnupfennase zu Ihnen kommt, auf Covid-19 zu testen?

          Wir müssen zwischen den Vorgaben des Robert-Koch-Instituts unterscheiden – und der medizinischen Notwendigkeit. Die Vorgaben des RKI sind angemessen für Erwachsene: Sie sollen einen Abstrich bekommen, ganz egal, welche Erkältungssymptome sie haben. So lautet die Empfehlung an die Ärzte. Aber für Kinder, die viel häufiger erkältet sind als Erwachsene, ist das nicht angemessen. Es gibt viel mehr Infekt-Erreger als das tatsächliche Coronavirus, das wir fürchten müssen. Die Wahrscheinlichkeit, sich durch ein anderes Virus eine Erkrankung einzuhandeln, ist vielfach höher.

          Und ist ein Test bei einer „Rotznase“ medizinisch notwendig?

          Will ich als Arzt meinem Patienten nicht schaden, muss ich mir gut überlegen, in welchem Fall ich eine diagnostische und therapeutische Maßnahme ergreife. Wenn ich bei einem Kind einen Hals-Nasen-Rachenabstrich mache, muss ich erst in der Nase und danach tief den Rachen über mehrere Sekunden abstreichen. Das ist nicht schön für das Kind. Das Kind wird das nächste Mal nicht mehr freudig zu mir kommen. Hat ein Kind einen positiven Abstrich, muss es natürlich in Quarantäne, das ist klar. Aber derzeit mache ich etwa 50 Abstriche pro Woche – und hatte bislang nicht einen positiven.

          Das heißt: Ich traumatisiere die Kinder mit einer Untersuchung, deren Nutzen mir medizinisch fragwürdig erscheint. Wir wollen diejenigen, die krank sind, testen und untersuchen – und nicht diejenigen, die lediglich eine laufende Nase haben.

          Wenn Kinder selbst mit milden Erkältungssymptomen wie Schnupfen nicht mehr in die Kita gehen dürfen: Was bedeutet das für die Eltern?

          Bei Kindern unter drei Jahren ziehen sich Rhinovirus-Erkrankungen bisweilen über Wochen und Monate hin. Die Nase läuft mitunter ohne Unterlass, den ganzen Winter durch. Führt das zu einem Ausschluss aus der Kita, könnten die Eltern nicht mehr zu ihrer Arbeitsstelle gehen. Eine Rotznase darf nicht dazu führen, dass die Eltern vollkommen ausfallen. Für die Kinder wäre das ebenfalls gravierend, weil sie die frühkindliche Bildung nicht erfahren können. Spätestens im Kindergartenalter nimmt die außerhäusliche Betreuung und Bildung der Kinder einen sehr großen Stellenwert ein. Wir machen uns große Sorgen um die Kinder. Denn gerade in Elternhäusern, in denen das Bildungsniveau etwas geringer ist, ist es besonders wertvoll, wenn die Kinder in der Kita eine frühkindliche Bildung erfahren.

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