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Christian Ulmen im Gespräch : „Ich musste nie stärker und härter sein als als Vater“

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Dass er mal „Pascha des Monats“ wurde, amüsiert ihn heute: Christian Ulmen Bild: Frank Röth

Wann ist ein Mann ein Mann? Schauspieler Christian Ulmen teilt sich die Familienarbeit mit seiner Frau und Kollegin Collien Fernandes. Hier berichtet er von der Kritik, die beiden entgegenschlägt – und warum er trotzdem nicht an seiner Männlichkeit zweifelt.

          8 Min.

          Herr Ulmen, für die Männer hat sich in den vergangenen Jahren vieles verändert. Wenn Sie sich vergleichen mit Ihrem Vater: Was ist anders?

          Ich habe das Glück, dass ich in einem Haushalt groß geworden bin, in dem Gleichberechtigung gelebt wurde. Mein Vater hat uns ebenfalls die Brötchen geschmiert, er hat uns gepflegt, wenn wir krank waren, er hat gekocht. Ich bin damit aufgewachsen, dass ein Mann auch männlich ist, wenn er sich um Kinder kümmert, und kein Weichei. Es war maximal gleichberechtigt.

          Na ja, er ist arbeiten gegangen.

          Ja, mein Vater war der Alleinverdiener, solange wir klein waren. Das lag aber nicht daran, dass sie dachten, dass das der Job des Mannes sei. Meine Mutter ist dann wieder arbeiten gegangen, als meine kleine Schwester zwölf war.

          Das ist dann aber doch nicht maximal gleichberechtigt.

          Natürlich. Das Arrangement, dass der eine zu Hause bleibt und der andere arbeitet, steht ja in keinem Widerspruch zur Gleichberechtigung von Mann und Frau, solange die Aufteilung unabhängig von Geschlechterklischees geregelt wird. Es war ein anderes Arrangement als das, was ich jetzt habe. Meine Mutter hat zu Hause gearbeitet, ein kleines Kunstgewerbe betrieben. Mein Vater hat zwar um 9 das Haus verlassen und ist um 6 zurück gekommen, jeden Tag. Aber wenn wir krank waren, hat er die Nächte übernommen. Beim Kotzen helfen, die Brust eincremen – in meiner Erinnerung ist es immer mein Vater, der das macht.

          Trotzdem ist bei Ihnen heute alles anders?

          Die Abmachung ist, dass wir beide arbeiten gehen, meine Frau und ich – was ein organisatorischer Kraftakt ist. Wir haben Drehzeiten. Ich drehe insgesamt um die fünf Monate im Jahr, dann ist meine Frau hier. Wenn sie drehen muss, bin ich zu Hause. Wenn wir doch mal gleichzeitig Drehtage haben, kommen unsere Eltern und decken das ab. Das ist ein Unterschied zu meiner Kindheit. Meine Tochter wächst damit auf, dass es kurz Zeitabschnitte gibt, in denen beide Eltern nicht zu Hause sind. Dass immer einer weg ist, das ist auch etwas, das ich aus meiner Kindheit nicht kenne.

          Sie müssen das alles als Paar miteinander aushandeln. Ist das schwierig?

          Klar. Sobald es eine Drehanfrage gibt, muss der Familienrat tagen und erst einmal klären: Hast du da etwas in dieser Zeit? Wenn ja, ruft man die Produktion an und versucht umzuorganisieren. Es ist ein permanentes Jonglieren. Wir haben ein Au-Pair-Mädchen für die Nachmittage, und wir haben Großeltern. Nur so funktioniert es.

          Nervt es, das immer aushandeln zu müssen?

          Natürlich ist es nervig, aber es ist auch nervig, dass man nach dem Tanken immer bezahlen muss, trotzdem gehört das dazu. Ich sag deshalb nicht: „Bitte bleib du doch zu Hause.“ Meine Frau sagt ja auch nicht: „Bleib du doch zu Hause.“ Würden wir in einer Zeit leben, in der Frauen nicht arbeiten dürften, wäre meine Frau mit Sicherheit eine unglückliche Person. Insofern ist das ein Fortschritt. Den ich aber nur als Fortschritt erlebe, wenn ich darüber lese, dass das früher anders war.

          Finden Ihre Eltern das anstrengend, wie Sie das organisiert haben?

          Sie freuen sich, wenn sie helfen können. Mit dem Modell haben sie kein Problem. Im Netz erleben wir aber interessante Reaktionen zu unserer Organisation. Wenn meine Frau ein Interview gibt, dann stehen gleich Kommentare darunter: „Was fällt dir ein, arbeiten zu gehen, was bist du für eine schlechte Mutter.“ Oder sie bekommt E-Mails, meist von älteren Frauen, die sie wüst beschimpfen, weil sie arbeitet und nicht beim Kind bleibt. Die gar nicht wahrnehmen, dass es ja auch einen Vater gibt, der auch für Bindung zuständig sein könnte.

          Sie bekommen solche Mails wahrscheinlich nicht.

          Das ist der große Unterschied. Wenn ich sofort wieder arbeiten gehe, ist das normal. Meine Frau bekommt bei der Arbeit hingegen auch mal zu hören: „Ach, du bist hier heute. Das ist ja nett, dass dein Mann sich auch mal um das Kind kümmert.“ Als sei klar, dass es sich da ja nur um eine Ausnahme und um einen besonders netten Mann handeln kann, wenn er ihr das mal abnimmt. Schließlich wäre das eigentlich ihre Aufgabe.

          Hat Sie schon mal jemand angefeindet, Sie sollten gefälligst ihre Arbeit machen und sich nicht um Kinder kümmern?

          Nein, noch nie. Es ist eher so, dass die Leute es gar nicht glauben wollen, dass ich mich auch um unsere Tochter kümmere. Unsere Tochter war zum Beispiel kürzlich das fünfte Mal innerhalb der vergangenen zwei Monaten krank. Ich sage dann unwichtigere Termine ab. Wenn ich so etwas absage mit der Begründung „Mein Kind ist krank“, dann spüre ich immer – vielleicht ist es auch Einbildung –, dass die Leute denken: „Das ist doch kein Grund.“

          Das ist keine Einbildung.

          Peinlich wird es, wenn man ein Meeting verschiebt und das Kind wieder krank wird, meine Frau beim Dreh ist – und ich muss anrufen und sagen: „Tut mir leid, die Ohrenschmerzen sind wieder da“. Dann merke ich, wie die Leute denken: „Wenn du keinen Bock hast, dann sag es doch gleich.“

          Sind es bestimmte Leute, die sich so verhalten?

          Oft sind das Kinderlose oder Männer, die anders organisiert sind. Auch wenn man aus dem Meeting aufspringt und sagt: „Ich muss jetzt weg, weil ich meine Tochter abholen muss.“ Das scheint exotisch anzumuten! Wenn ich sagen würde, ich hätte einen Massagetermin, würde wahrscheinlich niemand reagieren. Aber: Die Tochter vom Kindergarten abholen. Huppala! Manche Leute finden es sogar seltsam, wenn ich meinen Sohn mal zur Arbeit mitgenommen habe. Es hat einen Senderchef gegeben, der hinter meinem Rücken murmelte: „Ha, der hat seinen Sohn dabei. Wie unsexy ist das denn!“ Darauf muss man erst mal kommen.

          Christian Ulmen dreht auch Kinderfilme – zuletzt „Gespensterjäger“.

          Werden Sie auch manchmal gelobt?

          Häufiger erfahre ich Verwunderung. Oder ich höre auch mal: „Das ist ja unverschämt, was du alles machen musst.“ Das sind die Sprüche, die hängen bleiben. Auch die Mails, die meine Frau bekommt. Dabei leben die meisten meiner Freunde genauso wie wir. Die haben auch Kinder und gleichberechtigte Beziehungen.

          Eine gleichberechtigte Beziehung, das wollen wir genau wissen. Jetzt kommen ein paar echte Männerfragen. Wer schlägt bei Ihnen daheim die Nägel in die Wand?

          Meine Frau.

          Wer navigiert, wenn Sie sich verirrt haben?

          Es ist noch nie passiert, wir haben ein sehr gutes Navi.

          Wer fährt Auto?

          Ich natürlich.

          Die Männerbastion bleibt.

          Ich wäre auch als Frau ein guter Autofahrer.

          Einparken können Sie auch besser?

          Selbstverständlich. Dafür kann ich keine Bilder aufhängen, und meine Frau baut die Kinderbetten zusammen. Das kann ich alles nicht. Aber ich fahre definitiv besser Auto.

          Wer zahlt im Restaurant?

          Immer der, der gerade näher am Geldbeutel ist.

          Wer kontrolliert die Finanzen?

          Wir haben getrennte Buchführung und getrennte Konten.

          Wer kann besser mit Geld umgehen?

          Das kann meine Frau besser als ich. Sie ist auch wesentlich sparsamer als ich.

          Dann haben Sie wohl auch am meisten Geld versenkt bisher? Das ist doch auch männlich: eine ordentliche Fehlinvestition.

          Ja – alleine deshalb, weil ich schon einmal geschieden bin. Aber auch sonst investiere ich gerne in Dinge, die schnell kaputt gehen oder die man nicht braucht. Meine Frau ist viel genügsamer als ich und deshalb auch wohlhabender.

          Wer trinkt häufiger mal einen über den Durst?

          Da waren wir beide sehr gut drin. Wir haben auch beide die Eigenschaft, dass wir unglaublich viel trinken können, ohne dass wir ausfallend werden.

          Wer trägt die Wasserkästen rein?

          Der Mann vom Bringdienst.

          Wer rennt als erstes nachts, wenn das Kind schreit?

          Ich. Ich habe den leichteren Schlaf, und meine Frau kann schlecht wieder einschlafen, wenn sie einmal wach ist. Darum hat sich das bei uns so eingestellt.

          Streiten Sie darüber?

          Na klar muss sich das einrenken. Es stellt sich ja immer der subjektive Eindruck ein, dass man selbst mehr macht als der andere. Bei beiden. Das zu kapieren, dass man nicht der einzige ist, dessen ganzes Leben sich verändert hat, das kann zwei, drei Monate dauern. Ich habe mich aber mittlerweile so daran gewöhnt, nachts aufzustehen, dass ich nicht mehr anders kann. Ich tendiere zum Gluckenverhalten.

          Inwiefern?

          Ich laufe permanent mit dem Fieberthermometer hinter unserer Tochter her, wenn sie krank ist und kontrolliere jede Stunde, ob es besser oder schlechter wird.

          Fühlen Sie sich manchmal unmännlich?

          Niemals. Ich hatte aber nie Ambitionen, das Mann-Sein zu zelebrieren. Wenn ich viel mit vermeintlichen Alphatierchen unterwegs bin, gerate ich ins Nachdenken.

          Wo trifft man Machos?

          Die tauchen einfach auf. Zum Beispiel war ich mal in einer Runde von Typen, da erzählte einer, dass er seine Frau zwei Tage vor dem Geburtstermin einfach am Krankenhaus abgegeben hätte, nicht dabei sein wollte bei dem „Gemetzel“. Die anderen sagten dann: „Ja, richtig so, endlich sagt das mal einer.“ Und ich habe feigerweise überhaupt nichts gesagt. Weil ich natürlich bei den Geburten dabei war, die Nabelschnur durchschnitt, das Kind als erster gewickelt habe. Aber ich spürte, dass ich mit diesen Anekdoten an diesem Abend der Honk gewesen wäre. Da habe ich mich schon gefragt: Was ist männlich? Und bin ich von den Frauen manipuliert worden?

          Das denken auf jeden Fall die anderen Männer.

          Wahrscheinlich. Aber ich bin zum Schluss gekommen, dass das eine freie und inbrünstig männliche Entscheidung meinerseits ist.

          Sie sind also kein Weichei?

          Es heißt, es sei männlich, hart zu sein, kräftig, diszipliniert. Aber ich musste nie stärker, härter, disziplinierter sein als in den letzten drei Jahren mit meiner Tochter. Nie pennen, permanent Logistik im Kopf abwägen – dafür braucht man Disziplin, und dafür muss man stark sein. Deshalb ist das Vater-Sein, ein Job der Hand in Hand geht mit den Männlichkeits-Attributen. Absoluter Quatsch, das als weich abzutun.

          Was ist mit Kuscheln, Trösten?

          Ja, das macht man auch. Aber wenn Kinder Ohrenschmerzen haben, ist nicht viel mit duzi-duzi.

          Der Reisdrink, den Sie hier trinken, der ist auch ziemlich unmännlich, oder?

          Ja. Aber er tut gut. Da hat der Kinderarzt empfohlen. Milch sei nur für Huftiere.

          Darf man als Mann heute noch sagen: Auf die Sache mit Kindern habe ich keine Lust, ich will voll arbeiten?

          Ein Freund von mir hat klar geäußert, dass er das nicht möchte, und man merkte, dass er dafür allen Mut zusammennehmen musste. Zu sagen: Ich finde es unerträglich mit den ganzen Hipp-Gläschen beim Abendbrot. Am Sperrgepäck zu stehen und die Kinderwagen abzugeben, so wollte ich nie leben. Er hat es am Anfang nur hinter vorgehaltener Hand gesagt, erst später offen zugegeben. Heute ist es politisch unkorrekt, als Mann keinen Bock auf Kinder zu haben.

          Viele Ihrer Rollen zeigen den weißen Mann als Verlierertyp. Geraten die Männer gerade ins Hintertreffen? Erleben wir „Das Ende der Männer“?

          Ein Senderchef erzählte mir mal: „Die Männer haben jetzt genug selbst geputzt. Jetzt ist genug Gleichberechtigung, jetzt können wir auch sagen: Nö, das macht ihr jetzt.“ Das hat er ganz ernst gemeint, das ist aber jemand, der nicht verheiratet ist, im Singlehaushalt lebt. Das ist so ähnlich wie Pegida: In Sachsen gegen Ausländer zu sein, wo es fast keine Ausländer gibt, das ist doch ein wenig seltsam. Ich kenne keinen Familienvater, der sagt, dass er in die fünfziger Jahre zurückwill.

          Sie haben also nicht das Gefühl, dass die Männer unter die Räder kommen?

          Nein, das einzige, das ich einmal erlebt habe, war bei der Serie „Who wants to fuck my girlfriend“. Da wurde ich angefeindet. Allein, als ich mal gesagt habe, jetzt sind die ganzen Feministinnen sauer, gab es Ärger. Die sagten: Es gibt auch Feministen, nicht nur Feministinnen.

          Sie waren auch mal „Pascha der Woche“ in der Emma.

          Ja, ich habe mal die Sexarbeiter unterstützt, als Alice Schwarzer die Abschaffung der Prostitution forderte. Dafür und für die Satire „Who wants to fuck my girlfriend“ wurde ich zum Pascha der Woche gewählt. Wenn einer wie ich zum Pascha der Woche gewählt wird…

          …dann ist die Gleichberechtigung vollendet?

          Das kann man so sagen. Auch dieser Artikel in der Emma nach dem Germanwings-Absturz, dass es eine Pilotenquote geben sollte, weil Frauen machten so etwas nicht. Da denke ich: Jetzt seid ihr komplett durchgedreht. Das ist wahrscheinlich ein Zeichen dafür, dass die Gleichberechtigung durch ist.

          Denken Sie nicht, dass solche Geschichten wie der Selbstmord durch Absturz eben doch typische Männer-Geschichten sind?

          Dann ist Nicht-Einparken-Können aber eine typische Frauen-Geschichte. Ich finde: Entweder wir leben mit den Geschlechtern so wie sie sind und akzeptieren einander. Dann muss man auch akzeptieren, dass Männer häufiger Selbstmord begehen. Oder es kehrt sich um und wird männerdiskriminierend.

          Schon mal etwas von Maskulinisten gehört?

          Da hatte ich mal ein Erlebnis. Irgendjemand hat auf Twitter einen sehr lustigen Kommentar verfasst zu der Forderung der Emma, mit einer Piloten-Frauenquote Katastrophen wie den Germanwings-Absturz zu verhindern. Ich habe diesen Tweet retweetet – und bekam unglaublich viel Ärger dafür, dass ich den Tweet eines Maskulinisten retweetet hatte. Das war ein Typ, der einen Herkules als Profilbild hatte. Da fiel mir auf, dass es tatsächlich Männer gibt, die faschistoid ihr Mann-Sein zelebrieren. Ich wusste das gar nicht.

          Würden Sie gerne mal eine typisch männliche Rolle spielen: der strahlende einsame Held, so wie der Marlboro-Mann?

          Nein, der strahlende Held, das ist doch langweilig. Ich mag es lieber, wenn die Figur etwas an sich selbst zweifelt und am Ende damit durchkommt. Das hat doch auch was Heldenmäßiges.

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