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Bildungsdaten : Treibstoff für die Helikoptereltern

„Schülerdaten sind die attraktivsten Vorratsdaten überhaupt“, sagt Christian Postel aus dem Nachbarland Niedersachsen. Als ehemaliger Lehrer einer berufsbildenden Schule weiß er, was Ausbildungsbetriebe allein für einen Blick auf die Verspätungs-, Versäumnis- und Verwarnungseinträge ihrer Bewerber gäben. Die Datenweitergabe über die Grenzen der Schule hinaus - und sei es bei einem Schulwechsel - ist allerdings streng reglementiert. Doch als Mitglied des Landeselternrats hat Postel immer wieder auch mit einer weiteren Gruppe zu tun, die einen weitreichenden Zugriff auf die Schuldaten der Kinder fordert: Es sind manche Eltern. Zum Glück gäben die Behörden den Persönlichkeitsrechten der Schüler Vorrang vor diesem Informationsinteresse. Natürlich wünsche auch er als Vater sich, mehr aus der Schule zu erfahren, sagt Postel. Aber eben nicht an den Kindern vorbei.

Man darf Eltern mit den Daten nicht alleinlassen

Schon immer war der direkte Kontakt von Eltern und Lehrern für auf ihre Selbstständigkeit bedachten Jugendliche ein Albtraum. Wie muss das Gefühl sein, wenn sich Eltern und Lehrer gemeinsam über das eigene Lernprofil beugen, über Daten, die von den Schülern nicht kontrolliert, nicht eingeordnet und womöglich nicht einmal eingesehen werden können?

Auch bei der Kindergarten-App Stepfolio wird schon sorgfältig abgewogen, was die Eltern zu sehen bekommen und was nicht. Jedenfalls nicht allein, ohne die Daten von pädagogischer Seite erklärt zu bekommen. Eltern dürften natürlich auch die Auswertung der diagnostischen Bögen ihrer Kinder sehen, erläutert Theresa Lill vom Anbieter Ergovia: „Es kann ja nur zum Wohl des Kindes sein, wenn darüber geredet wird.“ Wer allerdings ungeschützt und unbegleitet vor einem Diagramm steht, auf dem die Kontaktfähigkeit, die Stressregulierung oder die Aufgabenorientierung des Kindes rückläufig erscheint, kann schon nervös werden, wenn die Relativierung durch Erfahrungen aus dem Kindergartenalltag oder entwicklungspsychologische Grundierung fehlt.

Partnerschaft als Zwang

Allein dadurch, dass bei den elektronischen Eintragungen der Lehrer und Rückmeldungen der Schüler Datenprofile entstehen, bekommen Kennzahlen bei der Gestaltung des Unterrichts und der Einschätzung der Kinder Gewicht: Die Arbeit mit ihnen ist so viel handlicher und bequemer als die mit den immer komplexeren und oft genug widersprüchlichen Bildern, die sich Pädagogen Tag für Tag von ihren Schützlingen machen. Und auch die Schüler lernen, so fatal es auch ist, eines mit Sicherheit schnell: dass es lohnt, sich primär auf Kennzahlen zu konzentrieren statt auf Unterrichtsinhalte.

Wenn die vielbeschworene Bildungspartnerschaft, in die selbstverständlich auch Eltern einbezogen sind, ihre Grundlage in einer solchen Datenauswertung hat, der sich der Schüler nicht entziehen kann, letztlich also in einem Überwachungswerkzeug, ist nicht nur einer der wesentlichen Werte jeder Partnerschaft - Freiwilligkeit und Selbstverantwortung - von vornherein verraten. Auch die Eltern werden kaum eine Wahl haben, von diesen Angeboten Gebrauch zu machen.

Einerseits ist es auch für Väter und Mütter ohne Rotorblätter nicht leicht, zwischen einem fürsorglichen und einem voyeuristischen Blick auf die Teile des Lebens der eigenen Kinder zu unterscheiden, die sich ihnen bislang entzogen hatten. Andererseits müssen sie damit rechnen, dass in Systemen, die bis in die Bearbeitungsdauer einzelner Aufgaben hinein Leistung und Einsatz registrieren und verrechnen, auch das eigene Profil einer solchen Datenauswertung unterliegt. Künftig könnte der Blick in die Bildungsdaten ihrer Kinder zum Idealbild engagierter Eltern gehören.

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