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Augmented Reality für Kinder : Dieses Bilderbuch gebiert Ungeheuer

Frisch geschlüpft: Die App ergänzt das über die Tablet-Kamera aufgenommene Bild vom Buch auf dem Schreibtisch um ein Brachiosaurus-Baby Bild: Fridtjof Küchemann

Augmented Reality ist im Bilderbuch angekommen: Da stapfen Saurier über die Seiten, und perfektes Polnisch hören wir auch. Die Technik verändert das Lesen – und vor allem das Vorlesen.

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          Über der Seite des Kinderbuchs erhebt sich ein Gezwitscher, Geschnatter und Gekrächze wie im Vogelpark. Kleine Meisen springen aus dem Nest, Stockenten stecken das Köpfchen unters Wasser, und ein Schneeglöckchen läutet dazu wie vom Kirchturm herab. Das Pappbilderbuch „Alle Vögel sind schon da“ von Bärbel Oftring mit Illustrationen von Christine Henkel und Maria Mähler lässt sich lesen wie jedes Kindersachbuch. Wer aber auf seinem Smartphone oder Tablet eine spezielle App installiert und ein Datenpaket zum Buch heruntergeladen hat, kann zusätzlich eine Vielzahl an Augmented-Reality-Elementen aufrufen - weitere Erklärungen, Vogelstimmen, kleine Wissensspiele und auf jeder Seite ein, zwei versteckte Scherze, die aktiviert werden, wenn die Kamera des Geräts auf eine bestimmte Stelle des Buchs anspricht und die passende Datei aufruft.

          Ein technischer Entwicklungsschritt, der die Möglichkeiten des Bilderbuchs erweitert: Ob um harmlose Spielereien oder zusätzliche multimediale Ebenen, liegt in der Hand der Autoren, Illustratoren und Entwickler. Ob Kinder damit auch etwas anfangen können und sogar etwas davon haben, bestimmen die Behutsamkeit und Geduld, mit der Eltern ihnen diese Neuerungen nahebringen.

          Augmented Reality für Kinder : „Alle Vögel sind schon da“ mit der Leyo-App

          „Die AR-Technologie“, sagt Markus Dömer vom Carlsen Verlag, „ist jetzt an einem Punkt, wo sie massenkompatibel werden wird. Alle großen Industriezweige arbeiten damit, zum Beispiel die Autoindustrie: Ich muss kein Handbuch mehr wälzen, weil ein Lämpchen leuchtet, sondern ich halte mein Smartphone darauf, und dann bekomme ich gesagt, was das zu bedeuten hat.“ Die Technik, wie der Carlsen Verlag sie mit seinem Kinderbuchprogramm Leyo vorstellt, steckt zwar noch in den Kinderschuhen, hat aber die ersten Kinderkrankheiten bereits hinter sich. Wer etwa vor einem halben Jahr „Mein Atlas“ von Volker Präkelt und Yayo Kawamura, eines der ersten Bücher der Reihe, unters Smartphone hielt, musste mit anhören, wie sich bei der kleinsten Bewegung mit dem Gerät die Erklärungen zu den einzelnen Ländern gegenseitig ins Wort fielen. Wer einem Spiel folgend die über einen Kontinent verstreuten Fortbewegungsmittel zeigen wollte, stieß hingegen auf eisiges Schweigen, bis er zufällig das Gefährt, das die App als nächstes auf der Liste hatte, gefunden hatte.

          Beide Schwächen waren der Eile geschuldet, mit der Carlsen sein neues Angebot auf den Markt bringen wollte: „Die ersten Bücher haben wir in extrem kurzer Zeit veröffentlicht“, sagt Dömer. „Wir wollten in den Markt, bevor andere dieses Feld besetzen. Es war eine strategische Entscheidung. Und sie war richtig.“

          Eindrucksvoll, aber erkenntnisarm

          Besetzt war das Feld wohl wirklich noch nicht, auch wenn andere ihm bereits Stippvisiten abgestattet hatten: Bereits anderthalb Jahre zuvor hatte der britische Verlag Carlton das Buch „iSolar System“ herausgebracht, das in deutscher Übersetzung als „iSpace“ 2014 bei Kosmos erschienen ist. Ebenso wie zum zweiten Buch der Reihe, „iT.Rex“, gehört eine App dazu, die bei fast jeder der dreizehn Doppelseiten des Buchs interaktive Zusätze anbietet. Hier sind die Augmented-Reality-Felder wie kleine Schilder in die Ecken der Seiten montiert, die Kamera erfasst sie, der Tablet-PC aktiviert eine Datei, und schon ziehen auf dem Bildschirm die Planeten auf ihren Umlaufbahnen vor den staunenden Lesern vorbei oder lässt sich das Modell einer Mondbasis am Kraterrand von allen Seiten betrachten.

          Augmented Reality für Kinder : „iT.Rex“ mit der App „DinosaurAR“

          Das Dinosaurierbuch wartet mit noch spektakuläreren Effekten auf: Mal niedlich klein, mal überraschend groß tapst ruckelnd ein Tyrannosaurus Rex oder ein Brachiosaurus-Baby über die Seite hinweg und brüllt auf Kommando. Das sind fraglos eindrucksvolle spielerische Ergänzungen. Ihr Erkenntnisgewinn aber ist gleich null. Beim vielstimmigen Konzert „Alle Vögel sind schon da“ ist das anders, ebenso beim Bildwörterbuch, einem zweiten Vorzeigewerk aus Carlsens Leyo-Reihe: Hier stehen die Wörter nicht nur in sechs Sprachen neben den Bildern, sie lassen sich auch über die App anhören - aufgenommen von Muttersprachlern.

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