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Hörbuch „Ronja Räubertochter“ : Mehr als nur ein Streit zweier Dickschädel

Im Sommer, im Wald: Illustration Katrin Engelkings aus dem Buch „Von Bullerbü bis Lönneberga. Die schönsten Geschichten von Astrid Lindgren“ Bild: Katrin Engelking / Oetinger

Dreißig Jahre lang hat es keine Hörbuchfassung von Astrid Lindgrens letztem großen Kinderroman gegeben. Jetzt findet Ulrich Noethen für „Ronja Räubertochter“ eine Stimme, die zu Herzen geht.

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          Wie naheliegend war die Verfilmung von „Ronja Räubertochter“, wie einleuchtend auch eine Hörspielfassung, bei allem, was passiert in Astrid Lindgrens letztem großen Kinderroman von 1981: Als habe die Geschichte nur darauf gewartet, dass Bilder und Klänge gefunden würden für die Burg, den Wald, die Feindschaft der beiden Räuberhorden von Mattis und Borka und die heimliche Freundschaft ihrer Kinder Ronja und Birk. Mit einer Hörbuchfassung indes hat sich der Oetinger Verlag Zeit gelassen, mehr als dreißig Jahre lang. Dabei steckt in dem Buch so viel mehr, als sich in den gut hundert Hörspielminuten oder zwei Filmstunden erzählen lässt, und es ist so viel feiner und genauer erzählt, dass auch die ungekürzte Lesung naheliegend, ja notwendig wirkt.

          „Ronja Räubertochter“ ist eine kraftvolle, eindrucksvolle Geschichte, eine Abfolge von Bildern und Motiven mit märchenhafter Tiefe, und zugleich bildet das Geschehen bei Astrid Lindgren nur die Kulisse für einen emotionalen Widerstreit, dem sich die schwedische Schriftstellerin mit großer Hingabe widmet. Bislang fand er sich bloß im Buch.

          Sie können nicht bleiben

          Dass ein Blitz die uralte Räuberburg ausgerechnet in jener Nacht spaltet, als darin ein Räuberkind geboren wird, dass sich Jahre später die feindliche Räubersippe in der abgespaltenen Hälfte einnistet, zu der ebenfalls ein Kind gehört, und dass Ronja und Birk heimlich Freundschaft schließen, während sich ihre Väter noch bekämpfen, ist vertraut. Als Ronjas Vater Mattis den Sohn seines Gegners gefangennimmt und erst wieder freilassen will, wenn der die Burg verlässt, wechselt Ronja die Seiten. Aus der Geiselnahme mit Erpressung wird ein Gefangenenaustausch, der bei Ronja und ihrem Vater tiefe Wunden hinterlässt. Verraten fühlt sich Mattis von seiner eigenen Tochter. Entsetzt ist Ronja über die Kaltblütigkeit, mit der ihr Vater ein Kind wie sie, Birk, den sie längst schon ihren Bruder nennt, in die alte Rivalität mit der anderen Räubersippe hineinzieht.

          Astrid Lindgren: „Ronja Räubertochter“. Ungekürzte Lesung von Ulrich Noethen, 5 CDs, 322 Min., Verlag Oetinger Media, Hamburg 2014. 18,79 €.

          Die Kinder können nicht in der Burg bleiben, sie ziehen in den Wald, leben den Sommer und den Herbst über in einer Bärenhöhle von dem, was sie sammeln und fangen können, bis erst ein Räuber, dann ihre Mutter und schließlich ihr Vater kommt, um Ronja heimzuholen. Bis sich die Räuberhauptmänner besinnen und im Zweikampf austragen, wer von ihnen die gemeinsame Bande anführen soll.

          Was es heißt, füreinander einzustehen

          Welch wundervolle Momente hat dieses Buch in den Beschreibungen der Jahreszeiten, der Stimmungen im Wald; was ist es für ein Vergnügen, den beiden Kindern bei ihrem Leben da draußen zu folgen, in ihrem Ernst, ihrer Neugier, ihrer Abenteuerlust, in ihrer Empfänglichkeit für all das Schöne um sie herum. Mit welcher Wärme der Vorleser Ulrich Noethen, der für jede Figur eine passende Stimme und auch für das Derbe des Räuberlebens einen Tonfall gefunden hat, selbst das zum Klingen bringt. Es ist ergreifend, den beiden Kindern ins Herz schauen zu können, wie dies nur Bücher möglich machen. Was sich zwischen Ronja und ihrem Vater abspielt, ist viel mehr als bloß der Konflikt zweier Dickschädel.

          Trotz seiner kindlichen Sehnsucht und Todesangst vor dem Winter kann das Mädchen ohne Eingeständnis des Vaters nicht zurück. Auch zwischen Ronja und Birk ist viel mehr als bloß diese große, wunderbar namenlose Zuneigung mit ihren Momenten des Unverständnisses und der Überforderung. Sie wissen gut, was es heißt, füreinander einzustehen, und sie gehen ihren Weg moralischer Überzeugung und bedingungsloser Hingabe unter Schmerzen, für die Astrid Lindgren Worte und Ulrich Noethen eine Stimme gefunden hat, die zu Herzen gehen.

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