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„Asterix im Land der Götter“ : Leben wie Gott in Gallien

So viel Action wie im Film wären in den Comicvorlagen undenkbar: Asterix und Obelix auf Wildschweinjagd Bild: dpa

Sind aller guten Dinge dreizehn? Der neue Asterix-Film kehrt wieder zur Animation zurück, aber nicht zum alten Charme. Prügelnd zieht der Film mehrere Comicvorlagen heran, dabei hätte eine eigentlich gereicht.

          Meine früheste Erinnerung ans Kino ist ein Asterix-Film, und zwar der zweite, der gedreht wurde: der Zeichentrickfilm „Asterix und Kleopatra“. Gesehen habe ich ihn in einem Kino am Aachener Kaiserplatz, das es längst nicht mehr gibt. Es muss 1970 gewesen sein, ich war vier Jahre alt. Fünfundvierzig Jahre später ist nun ein neuer Asterix-Film in die deutschen Kinos gekommen, der insgesamt dreizehnte und nach neun Jahren Pause wieder ein Trickfilm. Zwischendurch waren die Realverfilmungen mit Gérard Depardieu als Obelix so erfolgreich, dass gar nicht mehr mit einer Rückkehr zur Animation zu rechnen war. Aber nun ist Depardieu zu alt für den dicken Gallier, und so probierte man es in Frankreich wieder mal mit Zeichentrick. Und ich probierte es wieder mal mit Asterix im Kino.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Doch die Realfilme haben im neuen Werk ihre Spuren hinterlassen: Die Zeit der simplen Animation ist vorbei, alles ist jetzt computergezeichnet und dreidimensional angelegt. Es sieht aus, als hätte man Asterix-Plastikfiguren zum Leben erweckt. Künstlichkeit dominiert, während die früheren Trickfilme den Stil wie den Charme der ihnen zugrunde liegenden Comics hatten.

          Der neue Film heißt „Asterix im Land der Götter“. Wer sich nun fragt, welches Album da Pate gestanden haben soll, dem sei gesagt, dass der Band „Die Trabantenstadt“ im französischen Original „La Domaine des Dieux“ heißt – Leben wie Gott in Gallien versprach darin Julius Caesar jenen römischen Bürgern, die bereit waren, sich in den großen Mietshäusern anzusiedeln, die er in der Nähe des uns wohlbekannten gallischen Dorfs bauen ließ, um seine Feinde durch Gentrifizierung zu besiegen. 1974, als das Album erschien, gab es diesen Begriff allerdings noch nicht. Dass es nun als Filmvorlage gewählt wurde, mag an der unerwarteten Aktualität seines Themas liegen. Wobei leider kein satirischer Nutzen daraus gezogen wird.

          Galliens Gentrifizierung

          Wie jeder Asterix-Film ist auch „Asterix im Land der Götter“ für die ganze Familie gedacht. Die Realfilme begeisterten allerdings vor allem Erwachsene, Kinder hatten an der Besetzung ihrer geliebten Comicfiguren mit echten Schauspielern wenig Spaß; nun kehrt er zurück. Es gibt reichlich Prügeleien – mit den Römern und unter den Galliern selbst, und alle Klischees aus den Comics werden hier noch einmal gesteigert.

          Asterix und Obelix mit Idefix bei ihren Verbündeten Bilderstrecke

          Die Ausgangserzählung von „Die Trabantenstadt“ wurde übernommen, aber es sind etliche Figuren neu hinzugekommen: ein intriganter Senator namens Prospectus etwa und vor allem der kleine Junge Applejus, den der Drehbuchautor Alexandre Astier dem namenlosen römischen Ehepaar angedichtet hat, das im Comic als Gewinner einer der neuen Wohnungen ausgelost wird. Durch den kleinen Applejus kommt ein römischer Sympathieträger ins Spiel, der sich mit Obelix anfreundet, und auch seine Eltern schlagen sich auf die Seite der Gallier.

          Die durch den Zuzug der vermögenden Römer ausgelöste Kommerzialisierung des Dorflebens wird im Film weitaus breiter ausgespielt als im Comic. Und die dadurch erzeugte Spaltung dadurch vertieft, dass die meisten Gallier in die Trabantenstadt umziehen (im Comic tat das nur Troubadix) und sich dort dem römischen Lebensstil anpassen. Dieses Motiv des Kulturverrats kennt man aus einem anderen Band: „Kampf der Häuptlinge“. Die Realfilme haben etabliert, dass man mehr als nur eine einzige Vorlage heranzieht, um möglichst ereignisreich zu erzählen. „Die Trabantenstadt“ hätte aber auch allein als Grundlage für die 85 Minuten Film gereicht.

          Aber man merkt, dass die Produzenten ihrer Vorlage nicht trauten. Das führt immerhin zu einer grandios-komischen Sequenz, wenn die in die Trabantenstadt umgezogene Gallier zum Lied „Sarà perché ti amo“ von Ricchi e Poveri (1981) das ihnen neue dekadente Dolce far niente genießen. Aber das ist die einzige geistreiche Ergänzung, der Rest erschöpft sich in Actionszenen, wodurch wiederum die Dialoge leiden. Doch gerade die Texte machen ja den Reiz von Asterix aus.

          In Frankreich hat „Asterix im Land der Götter“ immerhin drei Millionen Zuschauer ins Kino gezogen. Die Masche funktioniert also immer noch. Und natürlich kann man sich damit gut amüsieren. Aber es ist nicht nur Nostalgie, die mich den früheren Trickfilmadaptionen der Asterix-Comics nachtrauern lässt. Es ist auch die schlichte Tatsache, dass der neue Film nicht mehr den Witz der Comics besitzt, weil er glaubt, sie verbessern zu müssen.

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