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„Falstaff“ an der Met : Das Orchester ist der Star

  • -Aktualisiert am

Sein Bauch ist sein Königreich: Ambrogio Maestri steht als Pfundskerl Falstaff seinen Mann an der Met. Bild: SARA KRULWICH/The New York Times

Popcorn empfohlen: Robert Carsen macht Verdis „Falstaff“ an der New Yorker Met zur grellen Sitcom, die am Samstag weltweit in die Kinos kommt.

          3 Min.

          Im supermodernen, megafunktionalen Luxus ihrer zitronengelben Einbauküche, Modelljahr ungefähr 1951, wird Alice Ford ihren unerwünschten Freier Sir John Falstaff bewirten, vor ihrem Mann verstecken und schließlich in einer grünen Wäschetruhe durchs Fenster in die hoch aufspritzende Themse befördern lassen. Zum Glück ist dieses Küchending nachkriegsneureich angeschwollen auf gigantische Ausmaße. Der Regisseur Robert Carsen verlegt Giuseppe Verdis spätes, letztes Opernwunder also nicht ins Altenheim, wie es jüngst seine Kollegen in Salzburg und Berlin getan haben. Das allein ist eine gute Nachricht. Die noch bessere ist, dass „Falstaff“ in New York erst einmal im Orchester spielt. Was braucht der musikalische Mensch mehr? Wenn ein James Levine – im Rollstuhl, aber mit neugefundener jugendlicher Verve – seine sechsundfünfzigste Vorstellung dieser Oper an der Met dirigiert, müssen selbst die Legenden um so illustre Vorgänger wie Arturo Toscanini und Leonard Bernstein verblassen.

          Bei Levine erzählt uns also vornehmlich und vernehmlich das Orchester die Geschichte vom gefoppten Fettwanst, der Lachnummer, die in sich dennoch das Leben in seiner tiefsten, leichtesten Weisheit trägt. Verdis Opernabschieds-Scherzo in drei Akten schäumt unter Levines Stabführung förmlich. Hier sind die Orchestermusiker nicht nur die wahren Hauptdarsteller, sondern witzige Kommentatoren, clevere Detektive und abgeklärten Philosophen: Wie der Glühwein den durchnässten Ritter wärmt, spüren auch wir im Einsatz erst der Piccoloflöte, dann der Violinen und schließlich des gesamten Orchesters, welche Energien der jung-alte Verdi hier noch einmal entfesselt hat. Und dass das Leben eigentlich nur als Spaß für Narren zu begreifen ist, bekommen wir zu guter Letzt in einer entspannt dahingepfefferten Fuge um die Ohren gehauen. In knappen Einwürfen, kontrastreichen Schachzügen, wilden Zusammenstößen, lyrischen Aufschwüngen, kaum angetippten Episoden schimmert zuvor der exquisiteste Flickenteppich der Operngeschichte in immer wieder neuen Farben und Texturen.

          Falstaff, ein empfindsamer Pfundskerl

          Levine und sein wunderbares Solistenkollektiv könnten vom Graben aus den Abend allein tragen. Mit den Stimmen auf der Bühne verweben sich aber auch die Orchesterstimmen zu einem unendlichen Rezitativ, das in seiner immer weiter gesponnenen Themenfülle tatsächlich eine gelassene Alternative zu Wagners Endlosmelodien entwirft und sich obendrein den Soli ebenso locker anverwandelt wie den brillanten Ensembles.

          Dass die Balance zwischen den Solisten oben im Licht und denen drunten im Dunkel bisweilen zu kippen droht, liegt sicher nicht an den stets wohlklingenden Sängern: Angela Meade als Alice Ford, Stephanie Blythe als Mistress Quickly, Lisette Oropesa als Nannetta und Paolo Fanale als Fenton. Sie würden es gar nicht wagen, dem New Yorker Dirigiergott lediglich einen kapriziös-selbstverliebten Star-Auftritt anzubieten. Sogar Ambrogio Maestri, den sich als Falstaff derzeit keine große Bühne entgehen lassen mag, ist bei all seinem überlebensgroßen Darstellungsdrang ein folgsames Ensemblemitglied – und das sowohl im knallroten Reitjackett wie im monumental besudelten Strampelanzug. Nicht bloß von seiner spektakulär gerundeten und in die Höhe geschossenen Statur her scheint er für die Rolle geboren, ein Pfundskerl, auch sängerisch, der zu mark- und ohrenerschütternden Ausbrüchen in der Lage ist, aber immer wieder auch zu berührender Zartheit findet.

          Stimmlich wie darstellerisch lässt sich dieses Sängeraufgebot allerdings etwas zu oft in den herzhaften Exzess treiben. Levine hat daran die geringste Schuld. Er selbst muss immer wieder acht geben, nicht der Regie zum Opfer zu fallen. Denn Robert Carsen dreht gehörig auf. Mit seinem Konzept, das „Falstaff“ in die Fifties verlegt, als im Vereinigten Königreich der Adel ins Wanken geriet und eine Schicht finanzkräftiger Aufsteiger sich gesellschaftlich bemerkbar machte, stößt er bis in den grellen Typenklamauk der Sitcom vor. Zumal die Damen, von Brigitte Reiffenstuel zeitgemäß ausstaffiert, scheinen Fernsehserien der Nachkriegszeit entlaufen zu sein. Ihre Intrigen spinnen sie nicht zu Hause bei den Fords, sondern als überkandidelte Ladies in einem Restaurant, das der Bühnenbildner Paul Steinberg in pompösem Minimalismus gestaltet hat.

          Ob Mafiosi oder die zigarettenlustigen Weiber von Windsor: alle schrecken sie vor der Karikatur nicht zurück. Was tut’s, dass bei der Zeitreise der Plot hier und da ins Stolpern gerät und manch subtile Wendung der Partitur im schallenden Gelächter des Publikums untergeht. Carsen hat dabei gut mitlachen: Medial verfeinert mit den Mitteln von TV und Broadway, macht sein „Falstaff“ die Runde von Mailand und London über New York nach Amsterdam und Toronto. Und schon am  Samstag gastiert die Met damit weltweit in den Kinos. Popcorn ist für die Übertragung unbedingt zu empfehlen.

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