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Falscher Kaffee : Russiano

  • -Aktualisiert am

Dmitrij Medwedjew findet, „Americano“ klingt unrussisch. Auf diesen Schreck einen doppelten Depresso! Bild: dpa

Nichts ist zu absurd, als dass sich in Russland nicht sofort jemand fände, es ernst zu nehmen. Zum Beispiel, dass Kaffee Americano deutlich zu unrussisch klingt.

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          Der russische Premierminister Dmitrij Medwedjew hat erklärt, der Kaffee Americano, den auch viele treue Putin-Anhänger lieben, klinge nicht mehr politisch korrekt, weshalb er vorschlug, ihn umzutaufen in Kaffee Russiano. Der Empfehlung, die Medwedjew auf der jüngsten Sitzung des Rates Eurasischer Regierungen halb im Scherz aussprach, folgten sogleich eine Moskauer Filiale von Burger King und ein Hauptstadt-Café, das allerdings weiterhin auch Americano serviert, der freilich doppelt so viel kostet wie ein Russiano. Auch in der Woronescher Café-Kette „Perfetto Caffe“ heißt der mit Heißwasser verlängerte Espresso inzwischen Russiano.

          Ein Restaurant in Jekaterinburg russifizierte vorsorglich gleich noch weitere Getränke, aus Jack Daniel’s Whiskey wurde „Schora Denisow“, der Cocktail B52 bekam den Namen des Jagdbombers Su-34, und aus dem Absacker Lynchbourg Lemonade wurde die Limonade Saratow. Dmitrij Medwedjew, der wie die Kleinausgabe von Präsident Putin wirkt, gilt als Mann mit absolutem Gehör für das politisch Sagbare. Deswegen fragt man sich, was ihn ausgerechnet nach dem Wahlsieg Trumps, den Putin offensichtlich begrüßte, weshalb er Trump noch vor dessen Amtseinführung treffen will, am Americano-Kaffee störte.

          Die Systemliberalen sind im Schockzustand

          Im Netz wird gewitzelt. Ein Twitterer verkündet, auf die von Medwedjew zu verwaltende Wirtschaftsmisere anspielend, der Regierungschef wolle außerdem den Espresso in Depresso umbenennen. Die Nachrichtenseite Lentatsch, die eher die Unterdrückungspolitik vor Augen hat, schlägt alternativ Represso vor, für den Kaffee mit aufgeschäumter Milch aber den bitteren Namen CaPuttino. Ein weiterer Twitterer weiß, was Medwedjews Empfinden für politische Korrektheit eigentlich geschärft hat: die Verhaftung seines Ministers für Wirtschaftsentwicklung, Alexej Uljukajew, dem vorgeworfen wird, er habe zwei Millionen Dollar Schmiergeld genommen.

          Der Arrest Uljukajews ist ein für die Regierung bedrohlicher Präzedenzfall, erstmals trifft es einen aktiven Minister; außerdem hatte die Staatsanwaltschaft die Anklage, noch bevor die Ermittlungen begannen, fertig, und die Beweismittel sind höchst dubios. Doch Uljukajew hatte die „Privatisierung“ der Ölfirma Baschneft durch den staatlichen Ölriesen Rosneft, dem Russlands zweitmächtigster Mann, Igor Setschin, vorsteht, nicht gutgeheißen und gesagt, das politische Klima im Land sei fürs Unternehmertum nicht gut. Die Systemliberalen, das heißt Wirtschaftsfachleute der Regierung, die dennoch loyal zu Putin stehen, sind, so heißt es, im Schockzustand. Das Vertrauen des Präsidenten, der allein weitere Schläge ausbremsen kann, steigt dramatisch im Wert. Medwedjews gezwungen patriotischer Kaffeescherz war vielleicht die ernsteste Botschaft des Eurasischen Regierungsrates.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

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