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Fall Verena Becker : Wie Verfolger den Verfolgten ähneln

  • -Aktualisiert am

Tatort des Attentats auf Generalbundesanwalt Siegfried Buback Bild: dapd

Der Prozess gegen die RAF-Terroristin Verena Becker wird zur Nagelprobe der Staatsräson. Hatten Machttechnik und Unrecht im Jahr 1977 ein Bündnis geschmiedet?

          5 Min.

          „Sehr viel Erstaunliches“ habe er im Zusammenhang mit den Ermittlungen zum Tod seines Vaters zur Kenntnis nehmen müssen, sagt Michael Buback. Der Affekt des Staunens, auf den der Chemieprofessor abstellt, meint nicht die emotionale Variante der admiratio, des hochachtungsvollen Bewunderns, sondern die der verstandesmäßigen Verwunderung, wenn der Intellekt auf Unerklärliches stößt. Davon bietet der seit fast zwei Monaten laufende Stammheimer Mordprozess einiges, und man sollte die Lernchance durch Anschauung nicht versäumen. Aber welche Momente verdienen Beachtung, und was erzählt uns der Fall Verena Becker tatsächlich?

          Nach mehr als dreißig Jahren soll das Verfahren Licht in die dunklen Tatumstände um den Mord an Generalbundesanwalt Siegfried Buback samt seinen Begleitern an einer Karlsruher Ampel bringen. Der Strafprozess als Theater der Wahrheit: So könnte die noble Hoffnung lauten, die in die rechtsförmige Aufklärung gesetzt wird. In Wahrheit haben sich die Koordinaten längst verschoben. Die Ermittlung von Tätern wurde ausgeweitet zu einer Suche nach weiteren Akteuren, bei denen die Frage nach strafrechtlicher Schuld vermutlich unaufklärbar ist und sogar in die Irre führt. Jenseits der Anklagebank geht es um das Verhalten von Amtsträgern, die merkwürdige Versäumnisse zu verantworten haben. Sie müssen sich dienstrechtliche, moralische und berufsethische Fragen stellen lassen, die ihr Handeln von 1977 und danach betreffen.

          „Angriff auf das Herz des Staates“

          Nun hat die Justiz in diesem Fall noch weniger als in anderen ein Deutungsmonopol, und sie würde es selbst nach jenem Urteilsspruch, den man in einem Jahr erwarten darf, nicht erhalten. Längst rechten Zeitzeugen und Beteiligte, Politikwissenschaftler, Juristen und Historiker über jene nationalen Schicksalsmomente, als die Bundesrepublik 1977 ihre schwerste rechtsstaatliche Bewährungsprobe bestanden zu haben schien. Helmut Schmidt war es, der dem Terrorismus in der Staatskrise besonnen die Stirn gezeigt hatte. Dass er später erklärte, es sei ganz gut, dass man nicht alles im Detail verfassungsrechtlich überprüft habe, was da vor sich gegangen sei, hörte sich lange wie ein staatsmännischer Seufzer an, den man auf sich beruhen lassen sollte. Doch die Hartnäckigkeit und Penetranz Michael Bubacks und das angefachte Interesse einer weiteren Öffentlichkeit haben Zweifel an bisher konsentierten Geschichten geweckt, die tiefer reichen.

          Verena Becker bei ihrem Prozess - 33 Jahre nach dem Attentat
          Verena Becker bei ihrem Prozess - 33 Jahre nach dem Attentat : Bild: dapd

          Als „Angriff auf das Herz des Staates“ wurde der linksradikale Terrorismus paraphrasiert, und wie noch bei jeder Metaphorik stellte sich die Frage nach dem angemessenen Verteidigungsmittel für den Angegriffenen. Schmidts beschwichtigende Formel klang in diesem Sinne wie eine Staatsweisheit, die nach der überstandenen Bedrohung um Verständnis für besonders scharfe Abwehrmittel warb.

          Nachlässiger Umgang mit Zeugen

          Bubacks Ermittlungen in Eigenregie ebenso wie das im Oktober erschienene Buch Wolfgang Kraushaars „Verena Becker und der Verfassungsschutz“ überwinden diese dichotomische Leseweise in ebenso radikaler wie verwirrender Weise. Aus ihren akribisch zusammengetragenen Sammlungen entstehen Alternativ- und Gegenerzählungen, bei denen neben einem repressiv und präventiv abwehrenden Staat auch andere Handlungsvarianten immer wahrscheinlicher werden.

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