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Fall Menasse : Psychopathologe

Robert Menasse Bild: dpa

Die Versuche, seine Hallstein-in-Auschwitz-Fiktion zu erklären, bringen Robert Menasse in Nöte. Was soll diese Erfindung genau beweisen?

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          Es soll kein Bluff gewesen sein. So viel geht hervor aus dem langen Artikel in der „Welt“, dem die Redaktion die Überschrift gegeben hat: „Robert Menasse versucht, sich zu erklären.“ Eigenen Angaben zufolge hat der österreichische Schriftsteller also die Falschinformation, Walter Hallstein habe seine Antrittsrede als Präsident der EWG-Kommission in Auschwitz gehalten, nicht mit Bedacht in die Welt gesetzt, in der listigen Absicht, die Öffentlichkeit in die Irre zu führen und sie über das Ausmaß ihres von ihm beklagten Desinteresses an der europäischen Einigung zu belehren. Wenn Menasse auf Nachfrage versicherte, keineswegs nur in seinem Roman „Die Hauptstadt“, sondern auch in der historischen Wirklichkeit habe Hallstein 1958 in Auschwitz gesprochen, dann wollte er demnach seine Leser nicht zum Nachschlagen bewegen – um sie entdecken zu lassen, dass er eine Fiktion als Gründungsakt der Europäischen Union hingestellt hatte.

          Was hätte der Dichter uns mit dem angenommenen Kunstgriff sagen wollen? Vielleicht: Die EU ist ein Projekt der moralischen Phantasie. Vielleicht: Die von Orbán, Kurz und Trump ausgenutzte Not der EU muss erfinderisch machen. Vielleicht: Die EU ist nicht die Fortsetzung der europäischen Geschichte, die in den Geschichtsbüchern steht. Aber dieses Spekulieren über mutmaßliche Intentionen ist müßig, denn so soll es eigentlich eben nicht gewesen sein. Nicht Absicht, nur Fahrlässigkeit ist Menasse zuzugeben bereit, was den Umtausch des von ihm geprägten Hallstein-Gedenkspielgelds in bare Münze angeht, und auch das nur als Denkmöglichkeit. „Ich kann, mich selbst kennend, auch nicht ganz ausschließen, dass in den Podiumsgesprächen, die Lesungen üblicherweise folgen, ich selbst zu einem solchen Missverständnis beigetragen habe.“

          Auf den postnationalen Punkt gebracht

          Dieser Erklärungsversuch steht im Widerspruch zu den Tatsachen. Er ist eine Ausflucht, nicht besser als das sprichwörtliche Abrutschen des Mausfingers. Denn Menasse hat die Legende auch in Interviews verbreitet, die verschriftlicht und gedruckt wurden, im „Münchner Merkur“, in der österreichischen Zeitschrift „Kultur“ sowie in „Treffpunkt Bücherei“, der Zeitschrift des Sankt Michaelsbundes, des Verbandes der katholischen Büchereien in Bayern.

          An letztgenanntem Ort sagte Menasse: „Ich fürchte, die wenigsten wissen das. Trotzdem ist es ein Faktum. Der erste Präsident der Europäischen Kommission, Walter Hallstein, hat seine Antrittsrede in Auschwitz gehalten.“ Menasse gesteht zu, dass er die von ihm fingierten Sätze Hallsteins, die eine von diesem tatsächlich gehaltene Rede vorgeblich auf den postnationalen Punkt bringen, in Zeitungsaufsätzen oder vor dem Europäischen Parlament nicht hätte als Zitate ausgeben sollen. Den „Furor“ seiner Kritiker kann er sich aber nur mit dem „Interesse der Nationalisten“ erklären, „die Gründungsidee des europäischen Einigungsprojekts zu verdrängen“. Eine Erfindung soll dazu dienen, Verdrängung zu beweisen: Robert Menasses Beitrag zur Psychopathologie der europäischen Geschichtspolitik.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

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