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Fall Litwinenko : Dissident, das war doch mal ein Ehrentitel

  • -Aktualisiert am

Alexander Litwinenko spricht während einer Pressekonferenz im November 1998 mit einem maskierten Kollegen vom russischen Geheimdienst FSB. Bild: dpa

Von russischen Dissidenten ist man im Westen immer ganz hingerissen, wie der Fall Litwinenko zeigt. Aber sollte der Geheimdienst wirklich so dumm gewesen sein, ihn in aller Öffentlichkeit sterben zu lassen?

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          Der Nachrichtendienst der BBC hat sich nicht geschämt, das Wort „probably“ zu benutzen. „Probably“ – „wahrscheinlich“ – habe der russische Präsident Wladimir Putin im Jahr 2006 den Auftrag zum Mord an dem ehemaligen Geheimdienstler Alexander Litwinenko gegeben. Das will eine Untersuchung in London herausgefunden haben. Aber was hat sie herausgefunden, wenn sie nur eine Vermutung äußern kann? Leute, die aus der Sowjetunion stammen, messen dieser Mitteilung keinen nachrichtlichen Wert bei. Ihr Bildungsgepäck lässt sie über andere Dinge stolpern: In Romanen können wir Frauen, auch wenn sie verschiedene Männer geheiratet haben, an ihrem Vatersnamen als Schwestern erkennen. Litwinenkos Vatersname, Walterowitsch, wirft Fragen auf. Warum trug der Vater dieses „Russland tief liebenden Helden“, wie er kürzlich in britischen Medien charakterisiert wurde, einen so auffällig deutschen Namen, der zu Stalins Zeiten seinen Träger das Leben hätte kosten können? Konnte der Sohn eines solchen Vaters trotzdem oder gerade deshalb beim sowjetischen Geheimdienst KGB Karriere machen?

          Walter Litwinenko hat gegenüber russischen Medien seinen Sohn einen „Verräter“ und „englischen Spion“ genannt. Sein eigenes Geheimnis bleibt ungelüftet. Alexander Litwinenko hingegen versuchte mit allen Kräften, aus sich selbst kein Geheimnis zu machen – vordergründig. Seit er in Großbritannien Asyl erhielt, gelang ihm mit wachsender Prominenz eine Dissidentenkarriere, deren letztes, auf unglückliche Weise folgerichtiges Kapitel sein schrecklicher Gifttod wurde.

          Ärgerlich für den Kreml, aber nicht gefährlich

          Betrachtet man jedoch genauer, was dieser Mann tat, so tritt das Dissidentische hinter dem Kampf um Aufmerksamkeit zurück. Seine Enthüllungen, etwa dass der russische Geheimdienst Terroranschläge im eigenen Land steuerte, bestätigten Vermutungen im Westen. Litwinenko dokumentierte die Machenschaften mit dem emigrierten Historiker Juri Felschtinski, doch das hatte keine Folgen für die westliche Außenpolitik: Kein Botschafter wurde einbestellt, kein UN-Sicherheitsrat einberufen. Andere Enthüllungen, etwa über Putins Pädophilie, waren vor allem für ihn persönlich lukrativ.

          Für eine politische Debatte ist aber nicht das Sexualleben des jeweiligen russischen Zaren wesentlich, sondern welche Mittel ein Dissident im Westen bei seiner Arbeit einsetzt. Einer von ihnen, vielleicht der größte, der bußfertige Kernphysiker Andrej Sacharow, der der Menschheit den Schlüssel zu ihrer eigenen Vernichtung geliefert hatte, hätte nie das Sexualleben von Leonid Breschnew für seine Predigt von der gefährlichen Macht des KGB benutzt.

          Pädophilie ist eine ernste Sache, und Litwinenkos Taten im Westen waren ärgerlich genug für die Moskauer Herren. Doch gefährlich waren sie für den Kreml nicht. Litwinenkos Enthüllungen hätten die russische Gesellschaft nicht zum Einsturz gebracht, auch nicht die Strukturen des KGB-Nachfolgers FSB. Er war vor allem lästig. Für das Schillernde solch eines Dissidententums bleibt man im Westen aber weitgehend blind, es wird sogar verherrlicht.

          Blut, Inzest, Kinderleichen führen zum Erfolg

          Je mehr der Dissident aus Russland das Interesse westlicher Medien zu wecken vermag, desto profitabler für ihn. Um dieses Interesse zu wecken, muss er die Sprache des Westens – in ihrer brutalen, boulevardesken Form – sprechen. Er muss sich, auf Gedeih und Verderb, dessen Wahrnehmungsrastern anpassen. Geschichten von Blut, Inzest und Kinderleichen führen zum Erfolg. Diese Strategie verfolgte Litwinenko. Zwanzig Jahre früher, bei Sacharow, Oleg Gordijewski oder Wassili Mitrochin, sah das anders aus.

          Der KGB, dieser Meister des Betrugs, hat seit dem Terror der Bolschewiken die russische Gesellschaft zusammengehalten wie Polonius das Dänemark Hamlets und dabei seine westlichen Gegenspieler – MI6 oder CIA – wie Ziegen an der Leine geführt. Die Macht seines Nachfolgers FSB ruht auf knapp hundert Jahren Aufbauarbeit: Die Schulungssysteme, Auswahlverfahren, Feuertaufen sind meistens strenger als für militärische Spitzenkader. Von diesen Strukturen und ihrer faktischen Macht redet das Dissidententum indes wenig, weil es sich über die Personalisierung vermarktet und sich dem westlichen Heldenbild annähern muss. So setzt es sich durch, in den Medien, in der Kunst, im Journalismus.

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