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Fall Kachelmann : Aussage gegen Aussage

Showdown in Mannheim: Alice Schwarzer und Gisela Friedrichsen Bild: ddp, dapd

Seit zwanzig Jahren kämpft „Emma“-Herausgeberin Alice Schwarzer gegen die Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen. Im Kachelmann-Prozess kommt es nun zum Showdown.

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          Am Mittwochmorgen noch hatte Joachim Pohl, Rechtsexperte des ZDF, jede Menge Überraschungen versprochen für jenen vierten Verhandlungstag am Mannheimer Landgericht. Ein „regelrechtes Staatsgeheimnis“ habe das Gericht aus der Identität der fünf Zeugen gemacht, die es geladen hatte, wobei es offensichtlich nicht zu dessen Stärken gehört, so ein Geheimnis entsprechend zu hüten. Sogar Pohl rechnete mit dem Erscheinen der Mitarbeiter jenes Hotels, in das Jörg Kachelmann in der Nacht nach der fraglichen Vergewaltigung eingecheckt hatte. Und als am späteren Nachmittag auch die Mutter der Nebenklägerin befragt wurde, war das für die meisten Prozessbeobachter schon lange keine Überraschung mehr. Was genau passieren würde, so vermutete Pohl dann noch, sei etwas offen, offenbar wolle sich das Gericht so langsam „an die Hauptpersonen herangrooven“.

          Harald Staun
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die Journalisten, die so gerne ein wenig mitgrooven würden, mussten sich dann aber mit den etwas steifen Aussagen der beiden Rezeptionistinnen begnügen. Die eine hatte Kachelmann überhaupt nicht gesehen, der anderen war nichts Besonderes an ihm aufgefallen, außer dass er so unspektakulär freundlich war wie die meisten ihrer Gäste. Die Mutter wurde unter Ausschluss der Öffentlichkeit vernommen, was selbst jene Reporter empörte, die sowieso grundsätzlich nicht in den Sitzungssaal hineindürfen, die Fernseh- und Radioteams also, die auch an diesem Tag wieder tapfer vor dem Landgericht abhingen. Es ist nicht ganz klar, mit welchem journalistischen Auftrag die Reporter dabei angereist waren: Der Verdacht, es könnte ihnen um sachdienliche Ergebnisse der Verhandlung gehen, bestätigte sich jedenfalls nicht. Die Möglichkeit, bei ausbleibenden Neuigkeiten nicht zu berichten, scheint vielen Medien nicht zur Verfügung zu stehen. Wenn es partout nichts zu berichten gibt, nehmen sie wenigstens mit beeindruckender Hartnäckigkeit immer wieder aktuelle Stimmungsbilder auf: vom an- und abfahrenden Kachelmann; von Anwälten, die Akten ins Gericht tragen; und von Menschen, die das Gebäude verlassen.

          Ein albernes Ritual

          Wenn die Protagonisten des Prozesses den Kameras ihre Aussage verweigern, helfen zunehmend die Kollegen von der Presse gegen den journalistischen Horror Vacui. Kaum ein Verhandlungstag vergeht, an dem nicht die Berichterstatterinnen der großen Zeitungen und Magazine gebeten werden, ihre Einsichten mitzuteilen. Dass Sender wie RTL ihren eigenen Reportern nicht zutrauen, das dürftige Geschehen im Gerichtssaal zusammenzufassen, verwundert zwar etwas; wer aber etwa die Berichterstattung über den Amoklauf von Winnenden noch in Erinnerung hat, kann das durchaus beruhigend finden. So ist es an diesem Tag der „Bunte“-Chefreporterin Tanja May überlassen, den Auftritt der Mutter (bis zum Ausschluss der Öffentlichkeit) zu schildern. Im Gegensatz zu den meisten ihrer Kollegen gelang es ihr immerhin zu sehen, wie die Zeugin „kurz zu Kachelmann rübergekuckt“ hat. Wenn das mal nicht erkenntnisstiftend ist.

          Das Heranziehen sogenannter Experten ist vor allem deshalb oft ein so erbärmliches journalistisches Stilmittel, weil diese meistens so lange befragt werden, bis jeder Anflug eines komplexen Gedankens aus ihren Statements verschwunden ist. Es ist ein albernes Ritual, das neben dem Rauschen, das es produziert, nur einen Effekt hat: Es macht die auftretenden Figuren zu Akteuren im medialen Kachelmann-Theater. Solange die Hauptfiguren schweigen, rücken, zumindest wenn nicht gerade Oliver Pocher durchs Bild fährt, die Nebendarsteller in den Mittelpunkt. In diesem Fall kristallisieren sich derzeit zwei Protagonistinnen deutlich heraus: Gisela Friedrichsen, die erfahrene Gerichtsreporterin des „Spiegels“, und, in einer Art Cameo-Auftritt als Reporterin für die „Bild“-Zeitung, „Emma“-Herausgeberin Alice Schwarzer.

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