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Jürgen Kaube (kau)

Fall Guttenberg : Er war’s nicht

  • -Aktualisiert am

Ein Orkan faltet keine Hemden und niemand macht in einer wissenschaftlichen Arbeit 135 Quellen absichtslos unkenntlich. Wer es dennoch von sich behauptet, lebt in einer eigenen Welt, die nur für Führungskräfte gemacht zu sein scheint.

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          Es gibt Ordnungsleistungen, die setzen die Beteiligung von Bewusstsein und Feinmotorik voraus. Wenn ein Orkan alle Schafe auf dem Deich zur Seite kippen lässt und alle Hemden von der Wäscheleine reißt, dann nehmen wir das hin. Wenn aber alle Hemden auch noch auf Kante gefaltet sind und die Schafe nach Gewicht geordnet daliegen, dann wissen wir, dass dies der Orkan nicht gewesen sein kann. Orkane falten keine Hemden. Dem widerspricht Karl-Theodor zu Guttenberg, wenn er und seine Anwälte nach wie vor den Eindruck erwecken, seine Täuschung der Universität Bayreuth durch Vorlage einer zusammengefälschten Dissertation sei „unbewusst“ erfolgt.

          Festgestellt worden sind: 1218 Plagiatsfragmente aus 135 Quellen auf 371von 393 Seiten (94,4 Prozent) in 10.421 plagiierten Zeilen (63,8 Prozent). So gut wie auf jeder Seite also und im Umfang von fast zwei Dritteln des Textes war es undeklarierterweise nicht Guttenbergs eigener. Die „mühevolle Kleinarbeit“, die er sich selbst attestierte, enthielt einen weiteren Hinweis auf beteiligtes Bewusstsein. Die Art der Plagiatsverschleierung durch allerlei literarische und bibliographische Winkelzüge wiederum belegte hohe Feinmotorik, höhere fast, als man sie Guttenberg selbst zutrauen mochte. Das Unbewusste bringt keine solchen Täuschungen zustande. Jedenfalls nicht in der Welt, in der Orkane keine Hemden falten.

          Unbewusstseinserweiternde Droge

          Bleibt nur die Möglichkeit, dass Guttenberg längst in einer anderen Welt lebte. Nahegelegt wird eine solche Welt den Führungskräften ja. Denn was wird ihnen nicht alles von Nahumwelt und Öffentlichkeit als Wirkung ihres eigenen, persönlichen Handelns aufgedrängt? Sie retten Firmen, sind die letzte Hoffnung von Parteien, führen zur deutschen Meisterschaft, machen Gesetze, ganze Reformen gar, wehren Schaden von sich, ihresgleichen und dem Volk ab, haben sich das Kunstwerk selbst ausgedacht, reden als Einzige Klartext, erzielen bei Verhandlungen Durchbrüche, senken die Arbeitslosenrate im Mai, hängen nicht an ihren Stühlen und tragen im Erfolgsfall die ganze Verantwortung.

          Und das alles bei volleingeschaltetem Bewusstsein und vor wacher Kamera. Kein Wunder, dass jemand, der diese Beschreibung ernst nimmt, im Umkehrschluss zu behaupten vermag, er habe unabsichtlich 135 Quellen unkenntlich gemacht. Macht erscheint hier als unbewusstseinserweiternde Droge, die sogar noch unter Entzug funktioniert.

          Jürgen Kaube
          Herausgeber.

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