https://www.faz.net/-gqz-7ljnb
 

Fall Dutroux : Die Frau des Kindermörders wird Romanheldin

  • -Aktualisiert am

„Die Frau, die den Hunden Futter gab“ heißt ein gerade in Belgien erschienener Roman. Er bietet die fiktive Innenansicht von Michelle Martin, der Frau und Komplizin des Kindermörders Dutroux. Die Eltern der Opfer sind wütend und empört.

          Der Titel des Romans, der diese Woche in Belgien herausgekommen ist, wirkt verrätselt: „Die Frau, die den Hunden zu essen gab“.  Doch im ganzen Land weiß man, worauf die Autorin Kristien Hemmerechts anspielt: Michelle Martin, Ehefrau des Kindermörders Marc Dutroux, brachte in den neunziger Jahren wochenlang während einer Inhaftierung ihres Mannes den Hunden ihr Futter, während gleichzeitig im Kellerverlies zwei kleine Mädchen, Julie und Melissa, verhungerten.

          Über diese abscheulichen Taten hat auch der Mammutprozess gegen Dutroux, seine Frau und den Helfershelfer Lelièvre keine endgültige Klärung bringen können. Ob Martin den Dingen ihren tödlichen Lauf ließ, weil sie keinen speziellen Auftrag bekommen hatte? Ob Dutroux das Schicksal der Kinder einerlei war? Jedenfalls ist Michelle Martin seit August letzten Jahres trotz großer Proteste wieder auf freiem Fuß. Und die namhafte feministische Autorin und Literaturdozentin Hemmerechts, die sich bereits 2007 in einem tristen belgischen Stimmungspanorama „Im Land von Dutroux“ mit dem Fall literarisch befasst hatte, sah den Moment für eine fiktive Innenansicht von Michelle Martin gekommen.

          Die Romanfigur heißt aus rechtlichen Gründen Odette, dennoch sind die Vorgänge deutlich genug geschildert, so dass Paul Marchal, der streitbare Vater eines von Dutroux ermordeten Mädchens, in einer Fernsehdebatte mit der Autorin heftig gegen das Seelendiagramm einer Mitleidlosen protestierte; Martin sei eine schlimme Psychopathin, das wisse man sowieso: „Dieses Buch tut weh.“ In vielen Kritiken war zu lesen, der Roman komme für das schwelende Trauma Dutroux in Belgien immer noch zu früh. Hemmerechts beharrt indes auf ihrem Recht, sich als Schriftstellerin mit aktuellen gesellschaftlichen Vorgängen zu beschäftigen, und findet, dass selbst die totale Fühllosigkeit Martins „leider menschlich“ sei.

          Im Übrigen spricht sich Hemmerechts gegen eine Freilassung von Dutroux aus, auf die der Kinderfänger zielgerichtet hinarbeitet. Er hat nun einem der Väter seiner Opfer ein Kassiber mit Verschwörungstheorien zugestellt, in dem er hochgestellten Justizkreisen und von ihm selbst ermordeten Komplizen die Schuld an vier toten und zwei weiteren entführten Kindern in die Schuhe schieben will. Dutroux sieht sich, ebenso wie seine Frau, als Ehrenmann und Opfer in einem wirren Komplott. Die provokante Idee eines Romanciers ist das leider nicht.

          Topmeldungen

          Die Pubertät beginnt immer früher, heute oft schon im Alter von zehn Jahren.

          Konservierungsstoffe : Frühe Pubertät durch Pflegeprodukte?

          Die Pubertät beginnt heute im Durchschnitt sechs Jahre früher als vor 150 Jahren. Eine Langzeitstudie zeigt nun, dass die Nutzung von Pflegeprodukten durch Mütter und Töchter eine Erklärung sein könnte.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.