https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/faktenchecker-appellieren-an-youtube-gegen-fehlinformationen-17726489.html

Die haben's voll gecheckt : Fakten schaffen bei Youtube

Bekommt Post von den „Faktencheckern“: Youtube-Chefin Susan Wojcicki. Bild: Reuters

„Faktenchecker“ aus mehr als vierzig Ländern appellieren an Youtube, mehr gegen „Desinformation“ zu tun. Sie wissen dabei auch, wer für den Job in Frage kommt. Dreimal dürfen Sie raten.

          1 Min.

          Es ist nicht unclever, womit mehr als achtzig „Faktencheck-Organisationen“ aus über vierzig Ländern heute an die Youtube-Chefin Susan Wojcicki herantreten. Punkt sechs Uhr stellen sie ihr einen offenen Brief zu, in dem sie fordern, dass Youtube mehr gegen „Desinformation und Fehlinformation“ im Netz unternimmt.

          Was soll Youtube tun? Der Konzern soll nach Ansicht der „Faktenchecker“ transparent mit Desinformation und Maßnahmen zu deren Bekämpfung umgehen. Statt Videos einfach zu löschen, soll Youtube „Kontext“ herstellen. Gegen „Wiederholungstäter“ soll die Google-Tochter vorgehen und verhindern, dass deren Beiträge von Algorithmen empfohlen werden. Und schließlich möge das Ganze auf andere Sprachen als das Englische ausgedehnt und mit „sprachspezifischen Daten sowie von effektiven Transkriptionsdiensten“ versehen werden.

          Wer ist gemeint?

          Wen man in diesem Zusammenhang besonders gut gebrauchen kann, wissen die „Faktenchecker“ aus aller Welt, zu denen in Deutschland die Redaktionsgruppe „Correctiv“ gehört, auch: sie selbst. Man sei bereit, heißt es in dem Appell generös, mit Youtube zusammenzuarbeiten, um die hier zitierten Forderungen umzusetzen und „Youtube zu einer Plattform zu machen, die wirklich ihr Bestes tut, um zu verhindern, dass Desinformation und Fehlinformation gegen ihre Nutzer und die Gesellschaft insgesamt eingesetzt werden“. Bei einem Treffen mit Susan Wojcicki plane man die „angesprochene Problematik zu erörtern“.

          Das klingt sehr ehrenwert, ist sicherlich hilfreich, aber auch ebenso dreist. Denn hier wird die Bewerbung für einen Geschäftsbesorgungsvertrag als Dienst am Gemeinwohl und sonst gar nichts deklariert. Um das und um die Kontrolle der omnipotenten Konzerne, die in der digitalen und der analogen Welt herrschen, haben sich zuvörderst demokratisch legitimierte Gesetzgeber und Rechtsdurchsetzer zu kümmern. Erst sie sorgen – realiter leider noch immer sehr unzureichend – für die Einhaltung von Normen und die nötige Transparenz, zu der Youtube und andere in Deutschland etwa nach dem Netzwerkdurchsetzungsgesetz gezwungen sind. Wenn ein Privatkonzern sich private Hilfe von „Faktencheckern“ holt, um „Desinformation“ zu begegnen, kann es sich nur um einen Hilfsdienst handeln. Und auch der muss transparent sein.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Weitere Themen

          Apokalyptische Fotos aus dem Asow-Stahlwerk

          Kolumne „Bild der Woche“ : Apokalyptische Fotos aus dem Asow-Stahlwerk

          Eine Collage von Dmytro Kosatskij: Er ist der letzte Fotograf im Asow-Stahlwerk von Mariupol. Viele Ukrainer posten und re-posten solche Collagen im Moment, in der Hoffnung, dass es die Überlebenschancen der Verteidiger gegen die russischen Aggressoren erhöht.

          Topmeldungen

          Corona-Welle : Muss sich Nordkorea jetzt öffnen?

          Kim Jong-un hatte gehofft, das Coronavirus werde sein Land nie erreichen. Jetzt ist es da – und Impfstoff fehlt. Der Machthaber weist die Schuld von sich.
          Weizen wird knapp: Familien in Jemens Provinz Lahdsch erhalten Mehl-Rationen. Die Versorgung wird wegen des Ukrainekrieges immer schwieriger.

          Getreidekrise durch den Krieg : Putin setzt auf Hunger

          Russland beschuldigt die Ukraine, ihre Häfen zu blockieren und damit schuld an der globalen Getreideknappheit zu sein. Gleichzeitig intensiviert Moskau die Propaganda in Afrika.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.