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WM-Kolumne „Nachgetreten“ : Lizenz zum Hässlichsein

  • -Aktualisiert am

Argentinien-Spieler Javier Mascherano droht dem Schiedsrichter Cuneyt Cakir im Vorrundenspiel gegen Nigeria mit dem Finger. Der Fairplay-Gedanke scheint bei der Weltmeisterschaft 2018 verloren gegangen zu sein. Bild: dpa

Simulanten, Querulanten und Verweigerer: Bei der diesjährigen Weltmeisterschaft scheint Fairplay allenfalls eine untergeordnete Rolle zu spielen – auch für uns Deutsche.

          War das schon immer so bei Weltmeisterschaften, dass jedes zweite Spiel Anstandsfragen aufwarf? Es begann mit Gündogan, Özil und der quälenden Frage, was die Werte des DFB sind. Dann kam der ägyptische Torwart, den man bei seinem ersten Auftritt zum „Mann des Spiels“ wählte, der aber als gläubiger Muslim keine Trophäe annehmen mochte, die von einer Bierfirma gesponsert wird. Aber den WM-Pokal hätte er wohl schon von Leuten angenommen, denen man Schlimmeres nachsagt, als dass sie Geld von Brauereien annehmen?

          Nun gut, er ist ein Fußballspieler. Leute mit anderen Berufen wie „Medienkoordinator Bewegtbild“ sind aber auch auffällig geworden. Ein Herr Voigt, der unter diesem Titel Spielerinterviews auf Fernsehsender verteilt, machte zusammen mit dem Büroleiter der Deutschen unverschämte Gesten zum unterlegenen Gegner. Sich freuen reicht offenbar nicht, man muss einen Sieg auch noch als Lizenz zum Hässlichsein nehmen.

          Die Spieler, Träger der Werte des DFB, sollen das ihrerseits heiter genommen haben, für den DFB selbst ist es mit einem Innenraum-Verbot für die beiden Funktionäre beim nächsten Spiel getan. Man entschuldigt sich und zahlt.

          Drei Schweizer Spieler, die – nachdem von Rängen „Tötet die Albaner“ gerufen worden war, wofür der serbische Verband zahlen muss – eine politische Geste machten, wurden mild zur Kasse gebeten. Genauso wie der serbische Trainer, der dem Schiedsrichter dieses Spiels gern ein Haager Kriegsverbrecher-Verfahren angehängt hätte.

          Im Netz schließlich, wo man sich weder entschuldigen noch zahlen muss, toben Meuten gegen eine Reporterin, ausschließlich deswegen, weil sie eine Frau ist, und in Schweden Rassisten gegen den Spieler, der den entscheidenden Freistoß verursachte, weil sie offenkundig meinen, dass irgendetwas Blondblauäugiges anders gehandelt hätte.

          All das ist Dummheit und Niedertracht, die das Spiel dafür instrumentalisieren, sich auszuleben. Aus dem Spiel selbst aber gehen die eigentlichen Respektlosigkeiten hervor, die es bedrohen: Schauspielerei und Protestieren. Zuletzt waren sie im Spiel Nigerias gegen Argentinien serienfach zu beobachten, als es darum ging, durch markierte Verletzungen Zeit zu schinden.

          Brasiliens Neymar hatte sich zuvor gleich doppelt in die Liste der Unanständigen eingetragen: durch seine Schwalbe im Strafraum und durch seine Beschimpfung des eigenen Kapitäns, weil der nach einer Behandlungspause fair den Ball zum Gegner aus Costa Rica zurückgespielt hatte. Das Protestieren von Neymar ist notorisch, aber es ist nur ein Symptom.

          Auch die Deutschen haben in puncto kompensatorischer Beschwerdeführung bei schwachem Auftritt in diesem Turnier schon etwas geleistet. Hier liegt, mehr als in schmählichen Gesten und törichten Sprüchen, eine Gefahr für das Spiel. Denn hier wird die Autorität der Schiedsrichter, mit denen gar niemand zu kommunizieren hat außer den Mannschaftskapitänen, attackiert.

          Dieses Verhalten treibt die Verbände in ihre hilflosen Versuche, mittels Bildtechnologien Fairness herzustellen. Diese Einstellung nimmt dem Kampf die Würde. Schauspielerei und Protest, die oft Hand in Hand gehen, stellen die moralische Ordnung des Spiels viel stärker in Frage als das Borniertsein von Bewegtbilddummköpfen, Spielern und Fans.

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