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Erpresser vor Gericht : Ein kleiner Tritt zu viel

  • -Aktualisiert am

Ein Schloss zu knacken, ist meist kein Problem für Fahrraddiebe. Bild: Burkhard Neie

Räuberische Erpressung und Fahrraddiebstahl werden einem Mann zur Last gelegt. Beides muss verhandelt werden – und der Prozess um den Diebstahl gerät zur Farce.

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          Wieder einmal sind die Abläufe gestört. Das passiert viel zu oft auf dieser Welt, und es wäre ja vermeidbar. Die Gefangenen in der JVA Moabit etwa, wenn die sich sinnvoll fügen würden in das ihnen zugemessene Schicksal, dann säßen wir jetzt nicht hier: auf dem langen Flur des Kriminalgerichts. Dann läsen wir jetzt kein Buch auf einer unergonomischen Holzbank, dann saugten unsere Blicke sich nicht fest an der Linie der Deckenlampen im Gerichtsflur, die sich zu einer leichten Kurve aufzureihen scheinen (wobei es nur eine Spiegelung ist, die das Auge foppt), dann sähen wir nicht der jungen Staatsanwältin zu, wie sie den Flur auf- und abklackert, der Strafverfolgung entzogen bis auf Weiteres.

          In der JVA Moabit scheint man wenig Einsehen zu haben in das Funktionieren des Rechtsstaats. Dort ist es an diesem Vormittag zu einem Alarm gekommen, und deshalb verzögert sich die Überstellung des Angeklagten beträchtlich. Die Zeugen auf den Holzbänken, sie mustern einander verstohlen oder halten, wenn sie der Polizeigewalt angehören, ein angeregtes Schwätzchen. Die Journalisten haben sich an der Saaltür versammelt, um zumindest Metainformationen zu erhaschen: Wann denn hier nun der Prozess stattfindet, zum Beispiel.

          Da wäre nochwas ...

          Über ihnen wacht die Stuckjustizia über der Tür, verstaubt seit vielen Jahren und sehr geduldig.

          Eine Stunde dauert es, bis der Richter hereinbitten kann. Der Angeklagte immerhin, dem eine schwere räuberische Erpressung vorgeworfen wird, er kooperiert, indem er ein Geständnis beisteuert. Damit ist schon mal viel geholfen. So kann der Richter, um Nachsicht bittend, ein paar Zeugen entlassen. Recht bald könnte es ans Verurteilen gehen – wäre da nicht noch diese andere Sache; eine Lappalie im Vergleich. Der schwere räuberische Erpresser soll nämlich auch einen Fahrraddiebstahl begangen haben. Dem hat sich ein einzelner Mitbürger entgegengestemmt – Zeuge Tim Pankok, 32, Name geändert, der nun, nach treuem Warten, zur Tür hereinfedert, barfuß in Sportschuhen, kurze Hose, eine Flasche Wasser in der Hand, die er lange nicht loslässt, während er dem Gericht seine Ausführungen vorträgt. Tim Pankok ist einer, der sich nicht abfinden mag mit Regelverstößen.

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          Wenn etwas so läuft, wie es nicht laufen soll, schreitet er ein. So ist es auch an jenem Kreuzberger Winterabend, als Pankok in der Nähe des Kottbusser Tors einen Vorgang bemerkt: Zwei Männer fuhrwerken an einem abgestellten Fahrrad herum. Das Rad ist an einem Bügelständer angeschlossen, die beiden Männer aber drehen es um die eigene Achse nach oben, immer weiter, bis mit einem vernehmbaren Knall das Stahlschloss bricht. Pankok findet das nicht nur ungewöhnlich, er sieht auch keine Möglichkeit, es zu ignorieren. Er spricht die Männer an. Sie sagen, sie hätten den Schlüssel verloren. Losfahren kann trotzdem keiner von ihnen. Denn da ist noch ein verriegeltes Speichenschloss.

          Ganz richtig fragt Pankok: Ob sie denn alle Schlüssel verloren hätten? Die beiden Männer entgegnen, das gehe ihn nichts an. Und das ist ja immerhin ein diskutabler Punkt, Pankok aber schätzt die Situation als nicht auflösbar ein und zieht sich zurück. Da tritt einer der Fahrraddiebe nach seinem rechten Fuß. „Das war ein Nachdruck, der nicht nötig war“, sagt Pankok, „weil er mich in ein persönliches Verhältnis mit der Sache gebracht hat.“

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