https://www.faz.net/-gqz-8xfvr

Facebooks Politik : Seelenverkäufer

Ist dieser Schüler ängstlich, fühlt er sich nutzlos, ist er mit seinem Körper unzufrieden? Facebook weiß es, und die Werbekunden bald auch. Bild: dpa

Facebook verbreitet dieser Tage die Botschaft, Verantwortung tragen zu wollen. Wie passt das mit der Nachricht zusammen, dass im großen Stil Daten australischer Schüler und Studenten verkauft werden?

          Der Netzwerkkonzern Facebook hat vor ein paar Tagen eine bemerkenswerte Ausarbeitung in eigener Sache veröffentlicht. Auf dreizehn Seiten geht es en détail um „Information Operations“ auf der Plattform, will heißen: um großangelegte Desinformation, wie man sie im Wahlkampf in den Vereinigten Staaten gewärtigt habe und in Frankreich gerade bezeuge. Da geht es um geleakte Informationen, falsche Nachrichten, Tarn-Identitäten, Fake-Accounts, simulierte Diskussionen und die Anstachelung von Aufruhr in einem Ausmaß und mit einer Professionalität, wie man sie nur Geheimdiensten zutraut, die das Ziel verfolgen, andere Staaten zu destabilisieren und für Verwirrung zu sorgen, wie das russischen Diensten durch forcierten Hackereinsatz im amerikanischen Wahlkampf gelungen sein soll – wofür der letzte Beweis fehlt und sich wahrscheinlich nie wird erbringen lassen.

          Was Facebook aber nicht daran hindert, auf einen entsprechenden Report der NSA zu verweisen. Die Botschaft des Netzwerkkonzerns und seines Gründer Mark Zuckerberg ist deutlich. Sie lautet: Wir haben verstanden, wir haben begriffen, welche Verantwortung wir als Informationsvermittler in der digitalen Welt tragen. Ziel von Facebook sei es, so zitieren der Facebook-Sicherheitschef Alex Stamos und zwei Ko-Autoren seinen Chef Zuckerberg, mit dem „sozialen Netzwerk“ die „guten Effekte“ für das friedliche Zusammenleben aller „zu verstärken und die schlechten abzumildern“. Deshalb behalte man die Manipulateure im Auge und suche die Zusammenarbeit mit anderen, um Störer ausfindig zu machen, ihnen etwas entgegenzusetzen und Informationen abzusichern. Zu diesem Zweck, zur Fahndung nach Fake News, hat Facebook in Deutschland bekanntlich das Redaktionsbüro „Correctiv“ verpflichtet.

          Handel mit der seelischen Verwundbarkeit der Nutzer

          Die Frage ist allerdings, was all das Getue wert ist, schaut man auf die Geschichte, die vom anderen Ende der Welt kommt und ebenfalls von Facebook handelt. In Down Under hat die Zeitung „The Australian“ recherchiert, dass Facebook Werbekunden angeboten hat, sie mit Daten zu 1,9 Millionen Schülern, 1,5 Millionen Studenten und drei Millionen jungen Arbeitnehmern zu versorgen.

          Man wisse, wann diese sich „nutzlos“ und „unsicher“ fühlten, „gestresst“, „ängstlich“, wann sie „nervös“ seien, ob sie sich um ihre Figur und ihr soziales Ansehen sorgten. Facebook bietet also die seelische Verwundbarkeit seiner Nutzer zum Handel an. Schließen kann der Konzern auf die innere Verfasstheit junger Leute ab vierzehn Jahren schließen – aufgrund der Auswertung ihrer Daten, aufgrund all dessen, was sie geschrieben, fotografiert, gefilmt und mit anderen geteilt haben. Für Werbekunden ist so etwas selbstverständlich interessant.

          Facebook entschuldigte sich zunächst für diesen Seelenverkauf, machte dann aber eine Rolle rückwärts und verwies darauf, dass man derlei Daten nur anonymisiert erhebe. Welche Macht Facebook über Menschen hat, was dieser Konzern über jeden Einzelnen weiß, wird bei dieser Gelegenheit selbst dann offenbar, wenn man Mark Zuckerbergs Leuten glaubt, sie trieben kein Schindluder. Sie zeigen, dass sich bei Facebook nicht nur Geheimdienste herumtreiben, das Netzwerk ist selbst nichts anderes als eine weltumspannende Operation Horch und Guck. Vielleicht sollte es der Konzern mit dem Motto halten, mit dem Google angefangen hat: „Don’t be evil.“

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.