https://www.faz.net/-gqz-xtug

Facebook und Revolte : Fast so gut wie Soldaten

Vernetzung auf der Straße: Proteste in Kairo Bild: dpa

Es wäre sicher Unsinn, zu bestreiten, dass moderne Kommunikationsnetze für den Sturz des tunesischen Präsidenten und bei den Aufständen in Ägypten äußerst hilfreich waren. Aber sind Twitter und Facebook wirklich der Motor der arabischen Proteste?

          4 Min.

          Wenn alles gut geht, wird Sami Ben Gharbia in den nächsten Tagen nach Tunesien zurückkehren. Vor 13 Jahren ist er aus seinem Geburtsland geflohen, vor jenen Zuständen, gegen die seine Landsleute in den vergangenen Tagen auf die Straße gegangen sind, vor Repressalien und Willkür und Folter beziehungsweise der Angst davor. Und trotzdem war der 43-Jährige in all den Jahren fast täglich zu Hause: Er unterhielt sich mit seinen Freunden und Verwandten, ließ sich von ihren Leben erzählen, er las, was er nur lesen konnte, über sein Land, auch wenn das eine mit dem anderen meist nichts zu tun hatte.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Ben Gharbia ließ nichts aus, der tunesischen Wirklichkeit näher zu kommen: er mailte, bloggte, skypte, er kommunizierte per Facebook und per Twitter. Dass er nie den Kontakt zu seiner Heimat verlor, verdankt er nur dem Internet. Wenn man ihn aber fragt, wie er seine Zeit im Exil beschreiben würde, dann merkt man schon an seiner Wortwahl, wie sehr ihm die Unzulänglichkeiten jener wunderbaren Medien immer auch bewusst sind: Von der tunesischen Realität, sagt er, war er nun 13 Jahre lang „disconnected“.

          Die schlimmsten Unterdrücker nach China

          Wenn nun, wie schon im Juni 2009 in Iran, die Parole immer lauter wird, dass die Revolution in Tunesien vor allem auf die sogenannten sozialen Medien zurückzuführen sei; wenn all die Blogger, Twitter-Revoluzzer, Cyberkämpfer nur noch darüber diskutieren, ob erst Zine El Abidine Ben Ali, dann Husni Mubarak und bald vielleicht schon alle anderen Despoten der arabischen Welt von Twitter aus dem Amt gejagt werden - oder doch eher von Facebook: dann hätte jemand wie Ben Gharbia jeden Grund, in diese Hymnen einzustimmen. Der Kampf gegen die Netzzensur war schließlich der, den auch er in den letzten Jahren unermüdlich kämpfte, als Mitglied des internationalen Aktivisten- und Bloggernetzwerks Global Voices oder als Mitbegründer von „Nawaat.org“, des wichtigsten regimekritischen Blogs in Tunesien. Ben Gharbia gehört zu jener Generation Tunesier, die dank jahrelanger Notwendigkeit ganz gut gelernt haben, wie man staatliche Sicherheitssoftware umgehen kann. Daran, dass die Meinungsfreiheit der größte Feind autoritärer Regime ist, hatte er nie Zweifel. Und trotzdem sieht er keinen Grund, zu jubeln.

          Seit Freitag ist in Ägypten der Kontakt zum Internet gesperrt

          Es wäre sicher Unsinn, zu bestreiten, dass moderne Kommunikationsnetze für den Sturz des tunesischen Präsidenten äußerst hilfreich waren; oder dass die Nachrichten und Bilder von den ersten Demonstrationen in Sidi Bouzid und jene von der anschließenden Polizeigewalt schon in Tunis niemand mehr gesehen hätte, gäbe es nicht Handykameras, um sie aufzunehmen und, weil die zuständigen Zensurbehörden Videoplattformen wie Youtube oder Vimeo schon Jahre vorher abgeschaltet hatten, Kanäle wie Facebook, um sie zu senden. Und sicher hatte sich Tunesien in der Vergangenheit nicht ganz umsonst darum bemüht, in Sachen Netzzensur in die Liga der schlimmsten Unterdrücker aufzusteigen, gleich hinter China. Eine angeblich 600 Mann starke Netzpolizei patrouillierte täglich durchs Netz, Blogger wurden regelmäßig verhaftet, verprügelt, gefoltert. Es wäre illusorisch, meint Ben Gharbia, angesichts jener Zustände allzu sehr auf das Geschick einer Cyberguerrilla zu vertrauen: „Verschlüsselungstechnologien und Sicherheitsmaßnahmen sind völlig nutzlos, wenn Passwörter oder andere sensible Daten durch Folter und Bedrohung gewonnen werden.“

          Bitte alle schnell bei Facebook anmelden?

          Weitere Themen

          Die Lunge im Kirchenfenster Video-Seite öffnen

          Göttlicher Odem : Die Lunge im Kirchenfenster

          Ein katholisches Gotteshaus in München brauchte neue Glasfenster. Zum Zug kam ein Künstler, der ein Stück Medizinalltag in ein Symbol für Leben und Vergänglichkeit verwandelte.

          Topmeldungen

          Johnson und der Brexit : Drei Briefe und ein einziges Ziel

          Boris Johnson will weiter versuchen, das Brexit-Abkommen bis Ende des Monats zu ratifizieren. Schon am Montag könnte die Regierung in London eine neue Abstimmung über den Brexit-Vertrag ansetzen – wenn John Bercow das zulässt.
          Kurdisches Fahnenmeer: Demonstranten am Samstag in Köln

          Türken-Kurden-Konflikt : Kurz vor der Explosion

          Der Krieg in Nordsyrien führt auch in Deutschland zu handfesten Auseinandersetzungen zwischen türkischen und kurdischen Migranten. Das könnte erst der Anfang sein.
          Mit Arte in Oslo: Carola Rackete.

          Carola Rackete bei Arte : Ein ganz persönlicher Kulturschock

          In der Arte-Reihe „Durch die Nacht mit ...“ treffen die Aktivistin Carola Rackete und die norwegische Schriftstellerin Maja Lunde aufeinander. Man meint, sie hätten einander viel zu sagen. Es kommt anders.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.