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Facebook-Tod : Ich war ein anderer, und ein anderer war ich

  • -Aktualisiert am

Facebook hat 20 Millionen Mitglieder in Deutschland. Une eine Sprecherin in einem Geheimbüro in Frankfurt. Bild: Foto Kullmann

Ein Fremder hat versucht, sich meine Online-Identität unter den Nagel zu reißen. Facebook glaubt dem Fremden, dass er ich ist, und hat mich rausgeworfen. Aber ich habe mich ins virtuelle Leben zurückgekämpft.

          6 Min.

          Okay, ich bin eine von Millionen. Ich unterhalte ein Facebook-Konto. Und wie alle, die dort angemeldet sind, verfluche ich es in regelmäßigen Abständen. Facebook ist bekanntlich ein werbeverseuchter Kraken-Organismus, der mit den Daten argloser Bürger spielt und unsere Gehirne so manipuliert, dass wir uns mindestens alle 36 Stunden einloggen und Details aus unserem Intimleben preisgeben. Und das nur, damit mafiöse multinationale Marketingfirmen mitschreiben können. Eigentlich müsste man es sofort verbieten, und jeder weiß es.

          Aber nun habe ich zwei neue Dinge herausgefunden, die mich einigermaßen überrascht haben: Erstens, dass es sich beim Großen Bruder in Wahrheit um eine Große Schwester handelt. Zweitens, dass man die korrupte Maschine sofort vermisst, wenn man plötzlich nicht mehr mit ihr herumspielen darf.

          Die Sache ist die: Jemand will mich bei Facebook ermorden. „Identity Theft“ heißt der kriminologische Fachbegriff. Ein Fremder versucht seit einer Weile, mein Profil plattzumachen und sich meine Online-Identität unter den Nagel zu reißen. Facebook glaubt dem Fremden, dass er ich ist – und hat mich zur Dissidentin erklärt und rausgeworfen, ohne Vorwarnung, mit sofortiger Wirkung. Es traf mich so, wie ich mir einen Streifschuss vorstelle. Es tat schon weh.

          Es gibt sie wirklich: Katja Kullmann

          Oder man ist wenigstens in sich selbst verschossen

          Seit zweieinhalb Jahren bin ich dabei. Und stimme meinen Facebook-Freunden zu: Die Postings sind ein Quatsch, die Wichtigtuereien endlos, es ist ein Zeitfresser und monströser Ablenkungsapparat. Aber jetzt, nach dem Abschuss, sehe ich, dass es eben doch auch eine Menschlichkeits-Maschine ist. Da gibt es die Labertaschen, die beflissenen Rund-um-die-Uhr-Verlinker und diejenigen, die Usambaraveilchen in 3-D versenden; andere berichten live von Bahnverspätungen in Mittelgebirgslandschaften oder fotografieren täglich ihr Mittagessen; wieder andere zitieren ausschließlich Intellektuelle aus dem 20. Jahrhundert, um mit ihrem inkorporierten Kulturkapital zu prahlen; manche fechten sogar ihre Beziehungskräche auf ihren Pinnwänden aus, und eigentlich ist man ja immer ein bisschen verliebt in den einen oder anderen User, weil der so tolle Lieder postet oder so freundliche Sätze sendet.

          Oder man ist wenigstens in sich selbst verschossen, so gut, wie man da immer aussieht, auf den hart bearbeiteten Urlaubsfotos. Wie ich das alles verachte. Aber gelegentlich wärmt es eben doch. Bei Facebook war ich immer ganz Mensch.

          Bis ein blassroter Balken mir die Sicht versperrte. Wie jeden Montagmorgen hatte ich mich pünktlich gegen 9.30 Uhr eingeloggt, als plötzlich dies auf meinem Bildschirm aufleuchtete: „Profil gesperrt“. In einer E-Mail mit dem Betreff „Identity Request“ hieß es, ich solle unverzüglich meinen Personalausweis scannen und rübermailen. Dann könnten wir weitersehen. Vielleicht.

          „Danke, Louisa, User Operations“

          Ich hielt es für einen technisch erklärbaren bug, fluchte über übereifrige Security-Programmentwickler, über den hardcore-kapitalistischen Polizeistaat, die Volkszählung, die totale Enteignung des Selbst und folgte treu der Anweisung und sendete also meinen Pass da hin, zweimal sogar, weil beim ersten Scan ein schwarzer Krümel mit aufs Bild geraten war.

          48 fade Stunden später eine neue Nachricht aus der großen Familie: „Danke, dass Du Deine Identität bestätigt hast. Nach weiterer Untersuchung der Angelegenheit haben wir festgestellt, dass Dein Konto fälschlicherweise gesperrt wurde. Wir bedauern die Unannehmlichkeiten sehr! Danke, Louisa, User Operations“.

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