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Der Facebook-Skandal : Ende einer Freundschaft

1 Hacker Way, vor Facebooks Firmensitz in Melo Park Bild: AFP

Nach dem neusten Datenskandal denkt die Politik über eine Regulierung von Facebook nach. Aber wie soll das konkret gehen? Und ist Facebook überhaupt das Problem?

          5 Min.

          Der Skandal um das Datenanalyse-Unternehmen Cambridge Analytica hat eine seltene Spezies sichtbar gemacht: die Facebook-Manager. Jahrelang war es das paradoxe Prinzip des Kommunikationskonzerns, so gut wie jede Kommunikation über seine Geschäftspraktiken zu verweigern. Mark Zuckerberg persönlich beantwortete nur zu besonderen Anlässen die Fragen ausgewählter Nutzer oder wohlgesonnener Journalisten, und wenn er doch gelegentlich einen Verantwortlichen dazu bevollmächtigte, sich zu den immer offensichtlicher werdenden Problemen des Netzwerks zu äußern, zum Hass und zu den Lügen etwa, welchen Facebook ein besonders fruchtbares Biotop bietet, dann kam selten mehr heraus als ein idealistisch aufgeladenes Statement darüber, wie man die user experience verbessern wolle. Kritik begegnete man unermüdlich mit dem notorischen Versprechen, alles dafür zu tun, um die Community zu schützen. Facebook erledigte seine Öffentlichkeitsarbeit im Stile eines Chatbots, kumpelhaft in der Form und repetitiv im Inhalt.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Angesichts des massiven Glaubwürdigkeitsverlusts, der Facebook an der Börse mittlerweile schon knapp 100 Milliarden Dollar kostete, dürfte eine solche Ignoranz nicht mehr reichen, um die Krise zu bewältigen. Zwar versuchte Mark Zuckerberg auch diesmal zunächst, unter anderem in ganzseitigen Zeitungsanzeigen, den Imageschaden mit dem reumütigen Versprechen zu beheben, „dass so etwas nicht noch einmal passiert“. Doch diesmal scheint Facebook nicht so einfach davonzukommen: Behörden in mehreren Ländern sind bestrebt, das Unternehmen zur Verantwortung zu ziehen. EU-Justizkommissarin Věra Jourová hat Facebook ein Ultimatum von zwei Wochen gesetzt, um Fragen zum Datenskandal zu beantworten, der britische Parlamentsausschuss forderte Zuckerberg persönlich zu einer Aussage auf, und Justizministerin Katarina Barley zitierte den europäischen Vizechef von Facebook zum Gespräch nach Berlin.

          Ein Mythos der Unantastbarkeit

          Noch handelt es sich dabei vor allem um Akte der Symbolpolitik, die Facebook nicht mehr kosten als die artige Beteuerung, es in Zukunft besser zu machen. Aber zum einen ist diese Symbolik nicht zu unterschätzen: Facebooks sorgloser Umgang mit den Daten der Nutzer wurde auch durch einen Mythos der Unantastbarkeit ermöglicht. Es ist eine weit verbreitete Vorstellung, der Megakonzern sei gewissermaßen nur der prominenteste Repräsentant einer unausweichlichen Dynamik der modernen Datenökonomie, welche sich politisch sowieso kaum regulieren lasse. Wenn nun endlich der Versuch gemacht wird, Facebook zur Rechenschaft zu ziehen, ist das ein wichtiges Signal gegen die vermeintliche Alternativlosigkeit seiner konkreten Praxis: Es ist vor allem die Annahme, dass soziale Medien nur so funktionieren können, wie es Zuckerberg vorgibt, der Facebook seine Macht verdankt – auf Basis eines gottgegebenen Deals, bei dem die Nutzer ihre Daten gegen Dienste eintauschen.

          Mark Zuckerberg spricht in San Jose, Kalifornien über sein Unternehmen im April 2017.
          Mark Zuckerberg spricht in San Jose, Kalifornien über sein Unternehmen im April 2017. : Bild: AP

          Zum anderen könnten Zuckerberg seine billigen Beteuerungen bald nicht mehr reichen: Die Datenschutzverordnung der EU, die im Mai in Kraft tritt, sieht empfindliche Sanktionen vor. Und die amerikanische Verbraucherschutzbehörde FTC hat diese Woche Ermittlungen eingeleitet, die theoretisch eine Strafe in Höhe mehrere Billionen Dollar nach sich ziehen könnten. Schon 2011 nämlich hatte sich Facebook gegenüber der Behörde verpflichtet, bestimmte Datenschutzstandards einzuhalten. Unter anderem verlangt die Vereinbarung, dass Facebook die Nutzer unmissverständlich darüber informiert, mit wem ihre Daten geteilt werden. Sollte sich herausstellen, dass Facebook gegen die Regeln verstoßen hat, könnte ein Bußgeld von 40000 Dollar fällig werden – für jedes einzelne der 50 Millionen von Cambridge Analytica missbrauchten Profile. Womöglich hat es auch mit dieser Drohung zu tun, dass sich Mark Zuckerberg bereiterklärt hat, wenigstens vor dem Untersuchungsausschuss des amerikanischen Kongresses persönlich zu erscheinen.

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