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F.A.Z.-Serie Gehirntraining : Reißt die Zeitfenster zum Lernen auf!

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Die Rede vom „hirngerechten Lernen“ gehört zu den Neuro-Mythen, die nicht vergehen wollen. Sie ist ein Beispiel dafür, wie oft schon der bloße Hinweis auf die Hirnforschung genügt, um die Illusion von harten Fakten zu erzeugen.

          Sie ist mittlerweile in aller Munde, die Rede vom „hirngerechten Lernen“. Lehrer erhoffen sich von der Hirnforschung neue Impulse für ihre Unterrichtsgestaltung und Eltern informieren sich sorgenvoll über „sensible Phasen“ der Hirnentwicklung, damit sie nicht versäumen, ihren Kindern zur rechten Zeit bestimmte Lernerfahrungen zu offerieren. Selbst „pädagogisch unbelastete“ Zeitgenossen werden zuweilen damit konfrontiert, dass sie angeblich mehr aus ihrem Hirn machen könnten, wenn sie beim Lernen dessen Funktionsweise berücksichtigten und somit seine „wahren Kapazitäten“ nutzten.

          Eine wahre Flut von Ratgebern zum hirngerechten Lernen bietet unter dem Deckmäntelchen der (Neuro-)Wissenschaftlichkeit Übungen und Ratschläge, die angeblich nicht nur eine optimierte Hirnentwicklung ermöglichen, sondern auch bei Problemen wie Lese-Rechtschreibschwäche oder Aufmerksamkeitsstörungen therapeutisch wirksam sein sollen. Die angebotenen Empfehlungen gehören, ebenso wie die dazugehörigen Erklärungen, ins Reich der Neuromythen, das bereits geraume Zeit existiert, jedoch durch die öffentliche Dauerpräsenz der Hirnforschung an neuem Glanz gewonnen hat.

          Hirngerechtes Lernen: eine Fehlkonstruktion

          Einige Hirnforscher unterstützen diesen Trend indirekt, indem sie ihren Forschungsergebnissen eine bildungstheoretische und -politische Dimension verleihen, die einer kritischen Betrachtung nicht Stand halten kann. So füllt etwa der Ulmer Psychiater Manfred Spitzer mit seinen Vorträgen über angeblich neurowissenschaftliche Einsichten zum Lernen und Lehren landauf, landab Stadthallen und reproduziert dabei doch bestenfalls intuitiv Plausibles (Lernen gelingt am besten bei guter Laune; Lehrer sollten sich für ihr Fach begeistern und so weiter). Ebenfalls sehr eindrücklich: der Göttinger Neurobiologe Gerald Hüther, der mit Verweis auf Deprivations- und Bindungsstudien über frontalhirngerechte Erziehung nachdenkt und den Mangel an guten Vorbildern im Allgemeinen und die wachsende Zahl „selbstbezogener Eltern“ im Besonderen für allerlei psychische und soziale Probleme verantwortlich macht.

          Kein Wunder also, wenn sich Ratgeberautoren durch den Verweis auf Hirnforschung auf der sicheren Seite fühlen; denn der erweckt die Vorstellung von „harten Fakten“ und wirkt daher vertrauenswürdig. Die meisten ihrer Empfehlungen dürften den Lesern – sieht man von möglichen Placeboeffekten ab – indes nicht weiterhelfen, denn das Konzept des hirngerechten Lernens ist theoretisch wie praktisch eine Fehlkonstruktion. Die Konstruktionsfehler lassen sich in solche grundsätzlicher und solche spezieller Art unterteilen.

          Ungedeckte Versprechen

          Grundsätzlich kann man sich die Frage stellen, ob der Terminus als solcher überhaupt Sinn ergibt: Das Gehirn kann als selbstreferentielles System zwar „über sich“ nachdenken, doch über sein Funktionieren kann „es“ nicht selbst bestimmen. Dementsprechend hat „es“ auch keinen Zugriff darauf, wie „es“ Informationen verarbeitet beziehungsweise diese „für sich“ aufbereiten müsste, um sie besser verarbeiten zu können. Es ist erstaunlich, dass einerseits so intensiv über die vorgeblich nicht vorhandene Willensfreiheit diskutiert wird, andererseits dann aber – wenn es ums Lernen geht – von einer beinahe grenzenlosen (Selbst-)Manipulierbarkeit des Gehirns ausgegangen wird.

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