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F.A.Z.-Serie: Gehirntraining : Lebenslanges Lernen ist wie eine Muskelübung

  • Aktualisiert am

Dank Hirnstrommessung geht die Forschung dem Spracherwerb auf die Spur Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Hans kann durchaus lernen, was Hänschen nicht gelernt hat. Denn unser Gehirn ist ein Leben lang aufnahmefähig - ähnlich einem Muskel, den man trainieren kann. Ein Gespräch mit der Leipziger Sprach- und Kognitionsforscherin Angela Friederici über die flexible Architektur im Kopf.

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          Als Mitunterzeichnerin des „Hirn-Manifests“ von elf bedeutenden Neuroforschern hatte die Leipziger Sprach- und Kognitionsforscherin Angela Friederici den Satz mitgeprägt: Hans kann durchaus lernen, was Hänschen nicht gelernt hat. Selbst skeptische Köpfe wie sie finden dafür inzwischen viele Belege.

          Die Hirnforscher sagen uns immer öfter, dass das Gehirn des Menschen trainierbar ist - und trainiert werden soll. Sie sprechen von Neuroplastizität, was bedeutet das?

          Plastizität heißt Veränderung. Gemeint ist das, was sich im Gehirn verändert, sowohl an Hirnstruktur wie auch an Funktion in dem Moment, in dem man beispielsweise das Gehirn trainiert. Wir wissen, dass der Input, ob akustischer oder visueller Art, im Gehirn verarbeitet wird. Nun ist die Frage, inwieweit das Gehirn, wenn es hoch trainiert ist auf einen bestimmten Input, diesen sehr viel effizienter oder schneller verarbeiten kann als vorher.

          Angela Friederici
          Angela Friederici : Bild: Matthias Lüdecke

          Können Sie uns Beispiele dafür geben?

          Man kann etwa Menschen, die schon früh ein Musiktraining hatten und ein entsprechend strukturiertes Hören erlernt hatten, mit Untrainierten vergleichen und dabei sehen, inwieweit Informationsverarbeitung bei ihnen schneller abläuft und welche Hirnareale involviert sind.

          Was geschieht dabei, wenn solche Hirnprozesse effektiver verarbeitet werden? Wird die Musik reflektierter gehört?

          Einiges deutet darauf hin, dass die Trainierten verstärkt ihre linke Hirnhälfte benutzen, während andere die Musik als quasi globales Erlebnis verarbeiten. Die Musiktrainierten lernen, dass Musik ähnlich wie Sprache in Phrasen, in Satzteilen kommt. Musik ist ja kein kontinuierliches Nacheinander, sondern hat natürlich auch eine Struktur, einen Anfang, ein Ende und Mittelteile, die eingebettet sind.

          Das klingt doch auch noch sehr unterschiedlich, wenn man Sinfonien etwa mit afrikanischer Sambamusik.

          Strukturiertes Hören heißt, dass man diese Strukturen vorher schon mal erklärt bekommen hat. Wie sich unterschiedliche Genres in der Hirnverarbeitung auswirken, beginnt man gerade erst zu untersuchen. Wir haben gerade eine Studie mit zwei Gruppen begonnen, deren Lieblingsmusik zum einen Heavy Metal und zum anderen Volksmusik ist. Wir wollen herausfinden, was im Gehirn geschieht, wenn man eine andere Musikart als die eigene Lieblingsmusik hört. Ob vielleicht zu den Hirnarealen, die an der Verarbeitung akustischer Reize beteiligt sind, noch emotionale Zentren beteiligt werden, wie beispielsweise die Amygdala als Teil unseres emotionalen Zentrums.

          Gibt es Bereiche, in denen die Hirnforschung die Trainingseffekte bis in kleinste hirnanatomische Details verfolgen kann?

          Beim Tier können wir solche Effekte schon eindeutig finden. Aber beim Menschen gibt es solche Vorher-Nachher-Messungen, die man dazu haben müsste, leider noch nicht.

          Könnte sich die lebenslange Plastizität unseres Gehirns irgendwann als Phantom, als Wunschdenken, erweisen?

          Das glaube ich nicht. Die Tieruntersuchungen sind da eindeutig und zeigen, dass es das gibt. Die berühmtesten Experimente, auf denen alles aufbaut, sind die von Hubel und Wiesel mit ihren ersten Experimenten bei jungen Katzen. Sie haben gezeigt, dass die entscheidenden Synapsenverbindungen zur Wahrnehmung der Umwelt in einer bestimmten Prägungsphase hergestellt werden.

          Halten Sie denn auch eine Plastizität im späteren Alter für erwiesen?

          Die Effekte sind, was wir im Gehirn bisher sehen, klein, was aber die Verhaltensveränderungen angeht, sind sie ganz effektiv. Bei hirngeschädigten Patienten kann man sich gut anschauen, was das Gehirn an tatsächlichen Chancen zur Erholung hat, und die sind auch relativ groß.

          Warum sollte es solche offenen Phasen nicht auch später in der Biographie geben? Viele machen die Erfahrung, dass man zum Beispiel erst nach Jugend und Studium offener wird.

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