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F.A.Z.-Leseprobe: Rezension : Gedichte, darin sich Schicksale kreuzen

Bild: C. H. Beck

Hier war Delphi: Ulrich Raulff hat mit seinem Meisterwerk über das Nachleben Stefan Georges eine deutsche Bildungsgeschichte geschrieben – gelehrt und unterhaltsam zugleich. „Was für ein Wurf!“, meint Lorenz Jäger. Abschluss unserer F.A.Z.-Leseprobe „George“.

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          Was für ein Wurf! Das Wagnis, die Geschichte eines charismatischen Dichters und seines Kreises ganz aus der Perspektive der Nachwirkung oder besser der Nachbeben zu schildern, ist noch kaum einer so bewusst eingegangen. „Langsam wurde der Atem schwächer, und am Montag, dem 4. Dezember 1933, stand das Herz still.“ Diese Aufzeichnung Robert Boehringers aus dem schweizerischen Minusio ist der Ausgangspunkt von Ulrich Raulffs Buch. Sicher, die Erforschung des „Nachlebens der Werke“ hatte schon Walter Benjamin als Aufgabe der Literaturwissenschaft gefordert, nur um sie seinerseits dann nicht einzulösen. Und die Idee, die kanonisierende Feier der Großen durch eine Literatursoziologie ihres Ruhms sei es zu rechtfertigen, sei es zu unterhöhlen, gab es schon früher. Friedrich Gundolfs „Cäsar“ hatte den Untertitel: „Geschichte seines Ruhms“.

          Lorenz Jäger

          Freier Autor im Feuilleton.

          Und sagen wir es gleich; Das Wagnis ist geglückt, ja es ist für den Leser beglückend. Nur deshalb, weil es im Kreis um George eben doch Brücken zu einer methodisch reflektierten Geschichtsschreibung gab, nicht nur die Schwabinger Dante- und Dionysos-Kostümfeste, war die Anknüpfung für Raulff, den Leiter des Deutschen Literaturarchivs in Marbach, möglich. Der Stoff ist aber auch danach. Kein leises Verdämmern einer Tradition sehen wir, die nach dem Tod des Meisters zu vergilben beginnt, sondern eine Geschichte der Deutungskämpfe, die bis in die höchste Politik reichen. Naturgemäß muss hier der Name Stauffenberg fallen. Der Hitler-Attentäter stand mit seinen Brüdern Bertold und Alexander an Georges Totenbett. Und als der Major Remer am Nachmittag des 20. Juli 1944 mit Goebbels Kontakt aufnahm, war der Vermittler ein Mann aus dem Propagandaministerium, ein großer Verehrer Rilkes – was Carl Schmitt zu dem bösen Wort brachte: „Der 20. Juli, das ist der Sieg Rilkes über George“.

          Das Unterholz der Bildungspolitik

          Auch Walter Kempner stand am Totenbett, Georges Arzt. Sein Bruder Robert wurde später stellvertretender Hauptankläger im Nürnberger Prozess. Georges Gedichte waren wirklich das Schloss, darin sich Schicksale kreuzten. Das reicht weit über das Anekdotische hinaus, auch wenn Raulff gerade in diesem Punkt nichts zu wünschen übrig lässt. Denn es geht schließlich um nicht weniger als um eine deutsche Bildungsgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts, die ganz zwanglos im Werk Georges ihren Mittelpunkt hat. Neu ist die Erforschung des institutionellen Unterholzes dieser Bildungspolitik, die noch in den sechziger Jahren tief in das Schulwesen hineinreichte, etwa in das Internat Birklehof im Schwarzwald.

          Aber die Geschichte beschränkt sich keineswegs auf Deutschland im geographischen Sinn. Wir sehen Ernst Kantorowicz, Erich und die schöne Fine von Kahler im amerikanischen Exil. Wir sehen Wolfgang Frommel und das „Castrum Peregrini“ in Amsterdam. Aber bei Frommel wird der Ton von Raulff auch deutlich frostiger; er scheint ihn mehr als einen späten, indes begabten George-Darsteller zu sehen und kratzt vernehmlich an der Legitimitäts-Legende – in Wahrheit seien sich Frommel und George nur einmal kurz begegnet. Auch Dissidenten und ungetreue Schüler wie Rudolf Borchardt, der Dichter, rasante Polemiker und Essayist, werden behandelt.

          Meisterwerk der Kulturwissenschaft

          Raulff ist eine Darstellung gelungen, die den strengsten akademischen Ansprüchen genügt, zugleich aber die höhere Unterhaltung des Lesers nicht vernachlässigt: ein Meisterwerk der heutigen Kulturwissenschaft ist zu entdecken. Zudem ist es von einer großen inneren Freiheit. Sollte der Verfasser jemals ein Adept gewesen sein, dann ist davon nichts geblieben als Liebe zur Sache. Die esoterische Begrifflichkeit des Kreises wird dabei nicht durch eine ebenso starre sozial- oder psychohistorische ersetzt, sondern umspielt, nie ohne Einfühlung, nie ganz ohne urbane Ironie.

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