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F.A.Z.-Videolesung mit Michael Lentz : Du musst die Liebe ändern

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Bild: FAZ.NET

Es ist lange her, dass neue Liebesgedichte ein großes Publikum fanden: Michael Lentz könnte es mit seinem im März erscheinenden Gedichtband „Offene Unruh“ gelingen. FAZ.NET gab der für seine Performances gepriesene Autor eine exklusive Kostprobe, die wir von heute an in 14 Folgen präsentieren.

          Das letzte Mal, als ein Gedichtband in Deutschland zu einem Bestseller wurde, liegt gut dreißig Jahre zurück. Es waren die Liebesgedichte Erich Frieds, die 1979 erschienen und sich mehr als 150.000 Mal verkauften. Da war die wunderbare Mascha Kaléko, die so vielen aus dem Herzen dichtete, noch nicht lange tot, und vielleicht hatten ihre und Frieds Liebesgedichte einen Anteil daran, dass nur drei Jahre später eine junge Lyrikerin namens Ulla Hahn mit ihrem Debüt „Herz über Kopf“ zum regelrechten Star werden konnte.

          Solche Erfolge sind seither die Ausnahme geblieben - ebenso allerdings auch unumwundene Liebesgedichtbände namhafter Autoren. Insofern wurde auch die Zahl potentieller Leser solcher Verse, die Meinungsforschungsinstitute im Bereich von Spurenelementen ansiedeln, schon lange nicht mehr wirklich getestet. Über die Leser anspruchsvoller Lyrik in Deutschland kursieren ohnehin nur Dunkelziffern.

          Thomas Kling vermutete einmal, es könne sich höchstens um dreihundert handeln, während Hans Magnus Enzensberger ihre Zahl auf immerhin 1354 schätzte - aber das ist auch schon zwanzig Jahre her. Die Auflage der meisten Lyriktitel liegt bei 250 bis siebenhundert Exemplaren; Anthologien schaffen etwas mehr. Aber da große Komponisten keine Gedichte mehr vertonen und auch ein Herbert Grönemeyer seine Liedtexte selbst schreibt, ist es um die Massenwirksamkeit von Lyrik schlecht bestellt.

          Doch jetzt erscheint ein Liebesgedichtband, der das Zeug zum Volksbuch hat - und verdient hätte, eins zu werden: „Offene Unruh“ von Michael Lentz. Es gehört nicht in die Bibliotheken, sondern in jede Jackentasche. Dabei ist der Band eine Provokation, eine Anmaßung, ganz wie das Gefühl, um das es geht. Vor allem aber ist er ein eingelöstes Versprechen, ein erneuter Beweis der sich immer noch steigernden Gedankenschärfe und Ausdruckskraft seines fünfundvierzigjährigen Autors. Die Liebe lässt sich nicht beherrschen, die Sprache der Liebe schon: Das macht „Offene Unruh“ zu einem Werk, das diese Frühjahrssaison weit überdauern wird.

          Das Gefühl bleibt deutlich

          Hundert Liebesgedichte, unterteilt in zehn Zyklen, eines schöner, schmerzlicher, bestürzender, klüger, egomanischer, wahrer als das andere. Je nach Lesart geht keines gut aus - oder alle. Denn mit der Liebe und ihrem Ausdruck ist es hier wie mit Rilkes berühmten Panther im Pariser Jardin des Plantes: ein Tanz von Kraft um eine Mitte, in der betäubt ein großer Wille steht. Lentz' Gedichte rütteln an den Stäben des Gefühls, und zugleich benötigen sie den Gitterstab als Achse, um die sie rotieren können. Durch viele verläuft ein uralter Riss, weil der, der liebt, geliebt hat, lieben wird, bisweilen weniger eins ist mit sich, als er möchte. Und zu lieben war für Dichter schon immer leichter, als sich lieben zu lassen. Doch Michael Lentz verliert bei seinem Seiltanz in hundert Auftritten nie das Gleichgewicht zwischen Zeigen und Verbergen, Hingabe und Rückzug, Schroffheit und Zartheit. Und ihrem Thema zum Trotz bleiben seine Gedichte diskret.

          Ob Beziehungen enden oder nie stattgefunden haben, Liebende versagen, Worte aneinander vorbeirasen, ist nebensächlich - hier wird nichts nacherzählt oder gar lyrisch verarbeitet. Die Gedanken oder Erfahrungen, die es angestoßen haben, sind für den Leser nebensächlich, was zählt, ist allein das Gedicht. Das Gefühl weicht schließlich nicht, nur weil man es gerade nicht empfindet, im Gegenteil: Es bleibt deutlich. Das Einzige, was unermüdlich in Bewegung ist, ob als Panther hinter Stäben oder Boxer im Ring, sind die Gedichte selbst.

          Hautwarmer Kern hinter formaler Strenge

          Denn „Offene Unruh“, das schon im Titel auf den Werkstattcharakter aller romantischen Liebe anspielt, ist das Werk eines Zweiflers und Skeptikers. Mit Kierkegaard verkündet dieser Dichter weniger die Wahrheit seiner Verse als die Beglaubigung ihres Ursprungs durch die Zeit. Die bewusste und reflektierte Wiederholung eigener und fremder Worte, Gesten, Rituale verheißt ihm Erneuerung. Schon in seinem Romandebüt „Liebeserklärung“ suchte Michael Lentz den Verständigungscode der Liebe nicht nur abzubilden, sondern ihn zugleich fortzuschreiben. Insofern lässt sich auch „Offene Unruhe“ durchaus als Reaktion auf Luhmanns „Liebe als Passion“ lesen. Die Poesie leidet unter dieser Analyseschärfe keineswegs, im Gegenteil. Zu Zeugen ruft Lentz, der literarische Verweise seit jeher aus dem Ärmel schüttelt wie Zeus seine Blitze, zahlreiche Kollegen auf - von Petrarca über Hölderlin, Novalis und immer wieder Rilke bis Rolf Dieter Brinkmann. Denn ist das Gedicht nicht in Form, weiß sein Schöpfer, verliert auch die Liebe an Haltung. Viele der Gedichte in „Offene Unruh“ lesen sich daher leicht wie Gelegenheitsverse und offenbaren ihre ausgeklügelte Struktur erst auf den zweiten Blick. Andere wieder bestechen durch formale Strenge und geben ihren hautwarmen Kern nur zögernd preis.

          Seitdem er 2001 mit seinem rasanten Vortrag von „Muttersterben“ den Bachmann-Preis gewann, ist der rheinische Zungenschlag von Michael Lentz aus der deutschen Literatur nicht mehr wegzudenken. Seither hat der Schriftsteller und Dichter, der ebenso Literaturwissenschaftler, Lautpoet und Musiker ist, neben dem Lyrikband „Aller Ding“ (2003) die beiden hochgelobten Romane „Liebeserklärung“ (2003) und „Pazifik Exil“ (2007) veröffentlicht sowie zwei Theaterstücke und mehrere Hörspiele geschrieben. Darüber hinaus gehört Michael Lentz zu den wenigen Autoren, die man einfach gesehen und gehört haben muss, weil es dem Vortragskünstler gelingt, die Wirkung seiner Werke - die schon im schriftlichen Urzustand kaum jemanden kaltlassen - noch zu steigern.

          Es gibt derzeit niemanden im Land, der Gedichte so liest und so lesen kann wie er. Darum haben wir Michael Lentz gebeten, seine neuen Gedichte für uns vorzutragen - und ihn dabei gefilmt. Von heute an bis zum Erscheinen von „Offene Unruh“ am 11. März im S. Fischer Verlag präsentieren wir täglich eine neue Gedicht-Performance von Michael Lentz.

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