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F.A.Z.-Leseprobe: Einführung : Martin Walsers neue Novelle „Mein Jenseits“

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Von heute an veröffentlichen wir exklusiv in fünf Folgen die ersten Kapitel von Martin Walsers neuer Novelle „Mein Jenseits“ ab. Sie behandelt nichts Geringeres als die Frage, wie Wissen und Glauben sich zueinander verhalten: Einführung und erste Folge.

          3 Min.

          Es gibt vieles, was Professor Dr. Dr. Augustin Feinleins Leben zur Hölle auf Erden machen könnte. Eva Maria, die Frau, die er liebt, hat bereits zwei Mal einen anderen geheiratet, zuletzt ausgerechnet Dr. Rudolf Bruderhofer, einen Cordanzugträger, der nicht nur viel jünger ist als sie, sondern es überdies auch noch auf Feinleins Posten als Leiter der Psychiatrischen Landeskrankenhauses Scherblingen abgesehen hat. Feinlein, der seit seinem dreiundsechzigsten aufgehört hat, die Geburtstage zu zählen, hat sich mit diesen widrigen Umständen zwar nicht abgefunden, aber er hat sie angenommen.

          Hadern ist für die Kleinmütigen, und zu denen zählt Martin Walsers neuer Held wahrlich nicht. „Schluss mit dem scheinheiligen Beweisenwollen“, sagt er sich. „Glauben heißt, die Welt so schön machen, wie sie nicht ist.“

          Ein persönliches Glaubensbekenntnis

          Es ist nicht Geringeres als die Frage, wie Wissen und Glauben sich zueinander verhalten und was von beidem das Leben aushaltbarer macht, die Martin Walser in „Mein Jenseits“ zu beantworten sucht, und insofern lässt sich die Novelle auch als ein ganz persönliches Glaubensbekenntnis lesen. Walser, dem seine Geschichten seit je ein „unterirdischer Himmel“ sind, hat mit Augustin Feinlein einen großartigen, vitalen Protagonisten geschaffen, einen Mann, der nicht länger auf eine bessere Wirklichkeit, sondern auf ein besseres Ich hofft, und dessen energisches Bedürfnis, seine Gedanken zu Ende zu denken, ihn angepassteren Naturen nicht ganz geheuer macht.

          Obwohl alles andere als ein Jedermann, erscheint Feinlein doch als ein Leidensmann, der sein ganz persönliches Martyrium durchaus stellvertretend für Walser-Leser allen Alters erlebt: „Ich ging immer an einer Wand entlang, die würde aufhören, dann begänne das Leben, die volle Berührung. Das war ein Irrtum. Diese Wand war das Leben.“

          Um sich seiner Lebensgeschichte zu versichern, reist Augustin Feinlein zunächst nach Rom, wo er in der Basilika seines heiligen Namensvetters vor Caravaggios Darstellung der „Madonna dei Pellegrini“ zum Pilger wird wie zahllose staunende, beglückte Betrachter vor ihm - ist doch alle Kunst Gottesbeweis.

          Aussichten auf Erlösung

          Und nicht erst in diesem Moment, aber in diesem Moment ganz besonders, sind wir im Kern von Martin Walsers Poetik. Die Erkenntnis, das alles beginnt mit der Sehnsucht, ist Walsers Lesern vertraut. Hier jedoch sagt er erstmals und mit der ihm eigenen Deutlichkeit, dass mit der Sehnsucht möglicherweise auch alles endet. Und dass in diesem „Nichtbeimirbleibenkönnen“, wie Feinlein es nennt, die größte Hoffnung auf Erlösung liegt. Walsers Helden, mit denen er die Gefühlszustände der Deutschen seit mittlerweile über fünfzig Jahren geradezu durchdekliniert hat, waren stets Gefährdete und Gefallene, aber mehr und mehr erscheinen sie auch als Begnadete.

          Zumal Feinlein besitzt mit der Gabe zu Anbetung und Demut die Fähigkeit, von sich selbst abzusehen und in etwas anderem, höherem aufzugehen - und damit Aussicht auf seine ganz persönliche Erlösung: „Egal ob es Gott gibt oder nicht, ich brauche ihn.“ Viel lieber als Leiter des Krankenhauses wäre Feinlein denn auch Mesner der Stiftskirche von Scherblingen, wo eine Heiligblut-Reliquie aufbewahrt wird, die im Zentrum jener unerhörten Begebenheit steht, die das Buch schildert und die hier nicht verraten werden soll. Doch auch, was das Manuskript mit dem Titel „Mein Jenseits“ angeht, an dem er schreibt, ist Feinlein sich seiner Grenzen auf der Suche nach den lichtenden und den schlichtenden Worten sehr wohl bewusst: „Die Anziehungskraft des Unerklärlichen ist die Macht des Unerklärlichen.“ Will sagen: „Die Offenbarung ist das Geheimnis.“

          Vorausblick auf den nächsten Roman

          „Mein Jenseits“ ist eines der innigsten und tiefgründigsten Werke dieses produktivsten deutschen Schriftstellers, ein Glaubensbekenntnis, das sich aus der Kunst speist - und damit auf das Göttliche im Menschen zielt. Für Feinlein ist die Caravaggio-Madonna ein Gottesbeweis: „Sie hat es gegeben. Sie ist mein Jenseits. An sie zu glauben ist einfach.“ Der Gläubige wählt sich die Reliquien, die er verehrt, selbst.

          Mein Jenseits“, das wir von heute an in fünf Folgen auf FAZ.net vorstellen, ist die dritte Novelle Martin Walsers nach dem 1978 erschienenen „Fliehenden Pferd“ und „Dorle und Wolf“ von 1987. Zugleich erlaubt „Mein Jenseits“ auch schon einen Blick in den nächsten Roman des Autors, der im kommenden Jahr unter dem Titel „Mutter Sohn“ erscheinen soll und in dem die Leser Augustin Feinlein erneut begegnen können.

          Zur ersten Folge der F.A.Z.-Leseprobe

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