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F.A.Z-Kolumne von Emanuel Derman : Der Quant als Kritiker

  • -Aktualisiert am

Macht erringt, wer „die Menschen dazu bringt, ihre Knechtschaft zu lieben“: Was Aldous Huxley vor Jahrzehnten schrieb, sieht der „Über-Quant“ Emanuel Derman nun wahr werden Bild: Laif/The New York Times

Mathematische Modelle sind perfekt. Die des sozialen Lebens sind es ganz und gar nicht. Warum das so ist, erklärt der „Über-Quant“ Emanuel Derman. Zum Autor einer neuen Kolumne im F.A.Z-Feuilleton.

          3 Min.

          Ihr iPad funktioniert, weil irgendjemand die Maxwellschen Gleichungen und die Grundlagen der Quanten-Physik verstanden hat - und dieser irgendjemand kann etwas bauen, das tut, was Sie wollen, wenn sie einen Knopf drücken. Quants benutzen die gleiche Art von Mathematik um Optionen und Märkte zu beschreiben. Es sieht genauso aus, aber es basiert auf einer ganz vagen Analogie, die behauptet Aktienkurse verhielten sich wie die Diffusion von Dampf. Es ist keine Beschreibung der Wirklichkeit.“

          Der das schreibt, Emanuel Derman, ist einer der bedeutendsten und kundigsten Kritiker der Verwandlung unserer sozialen Welt in ein physikalisches Formelbuch anonymer „Märkte“.

          Was sind die „Märkte“, von denen heute ein ganzer Kontinent mit Angst und Schrecken redet, und denen wir gleichzeitig eine kalte Rationalität zuschreiben? Sie sind vor allem eins: Organismen, in denen hochkomplexe, von keinem Menschen mehr wirklich steuerbare Maschinen, nach physikalisch-mathematischen Modellen Risiken berechnen, Entscheidungen treffen und Produkte herstellen - die berühmtesten heißen Derivate.

          Zeugnisse der Wall-Street-Hybris

          Als sehr leistungsfähige Computer verfügbar waren, keimte bei naturwissenschaftlich ausgebildeten und begeisterten Wall-Street-Strategen die Vorstellung, es ließe sich das universale Geheimnis von Märkten durch Mathematik entschlüsseln. Nobelpreise wurden dafür verliehen, Milliarden verdient, eine völlig neue Kultur geschaffen, die für Außenstehende ein Arkanum bleibt.

          Wer eine Ahnung von der damals entwickelten Hybris bekommen will, muss nur Alan Greenspans Aussage (PDF-Link) vor dem post-Lehmann Untersuchungsausschuss des Kongresses nachlesen. Oder Ben Bernankes Rede „The Great Moderation“ aus dem Jahre 2004, wo er das Zeitalter von Volatilität und Unberechenbarkeit an den Finanzmärkten für beendet erklärte. Was dann geschah, hat Scott Patterson, einer der besten Kenner der Quants, so beschrieben: „Auf ihrer Suche nach Wahrheit, ihrer Suche nach dem Alpha haben die Quants unbeabsichtigt eine Bombe gebaut. Das Ergebnis war der möglicherweise größte, schnellste und sonderbarste Finanz-Kollaps, den man je erlebt hat, und der Beginn der schlimmsten globalen ökonomischen Krise seit der Großen Depression“.

          Zwei Menschen mit einer seltenen Fähigkeit 

          Nicht-Mathematiker schauen auf diese Maschinen wie ein Steinzeitmensch auf ein Atomkraftwerk. Wer da als bloß schulmathematisch gebildeter Mensch mitreden will, ist ebenso schnell aufgeschmissen wie der frühere Chef der AIG, Hank Greenberg, der schon nach wenigen Minuten nicht mehr verstand, worüber seine Leute sprachen, als sie ihm jene mathematischen Modelle anpriesen, die später sein Untergang werden sollten.

          Die „Quants“, die diese Modelle entwerfen - also die an der Wall Street tätigen quantitativen Analysten, von ihrer Ausbildung her meist Physiker - liefern statt Konstruktionsplänen mathematische Formeln. Nur wenige verstehen wirklich, was sie tun. Von denen, die es verstehen, können nur wenige das auch erklären, jedenfalls ohne ausschließlich auf Formeln zurückzugreifen. Und die, die auch das können und zugleich die drohende Gefahr erkennen, das sind eigentlich nur zwei: Nassim Taleb, der den Bestseller „Der Schwarze Schwan“ schrieb und Emanuel Derman, den man den „Über-Quant“ nennt.

          Vom Grundlagenforscher zum Kritiker

          Um die geistige Autonomie über mathematisch-algorithmische Prozesse zurückzugewinnen, die uns definieren, ohne dass man sie durchschaut, brauchen wir solche Go-Betweens, die in der Welt der Formeln ebenso zu Hause sind wie in der Welt der Kultur. Emanuel Derman, der künftig an dieser Stelle eine Kolumne über Modelle aus der Welt der Tatsachen schreiben wird, gehört zu dieser seltenen Spezies. Er ist der Großmeister jener mathematischen Maschinen, die von quantitativen Analysten an der Wall-Street entwickelt werden.

          Derman wurde in Südafrika geboren, hat aber fast sein ganzes Berufsleben in Manhattan gearbeitet und dabei als Physiker eine Reihe von wichtigen Beiträgen auf den verschiedensten Gebieten geleistet: Er hat Grundlagenforschung betrieben, Programmiersprachen und grundlegende mathematische Modelle entwickelt. Dazu zählt das Black-Derman-Toy (das er zusammen mit Fischer Black entwickelte) und das Derman-Kani Volatilitätsmodell.

          Aber nicht deshalb und nicht darüber schreibt er hier. Bereits 1996 warnte Derman vor der Allmacht der Modelle, mit denen physikalische Prinzipien auf soziale, prinzipiell unberechenbare Systeme übertragen wurden. Seine Kritik und Selbstkritik hat er in seiner Autobiographie „Mein Leben als Quant“ und noch deutlicher in seinem Buch „Modelle, die sich schlecht benehmen“ formuliert. Er argumentiert dabei nicht mathematisch, sondern als ein Mensch, der den „common sense“ wieder rehabilitiert, ein Leser Goethes, Schopenhauers, ein Literat aus eigenem Recht, von dessen Doppelbegabung man profitieren könnte.

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