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Thomas de Padova: Das Weltgeheimnis : Die Ordnung der Himmel

In erster Instanz zeigt das bloß Galileis Neigung zur rhetorisch brillanten Argumentation, die mit den Gegnern nicht nur gnadenlos umspringt, sondern bei Bedarf auch deren Grundsätze entwendet. Faszinierend zu verfolgen ist das bei Galilei immer, auch und gerade dann, wenn er in der Sache völlig falsch lag oder sich damit erst so recht in die Bredouille brachte, wie im Fall seiner theologisch ausholenden Verteidigung des Kopernikanismus vor der römischen Verwarnung. Aber dahinter taucht natürlich die Frage auf, die Wissenschaftshistoriker von früh an beschäftigte: Warum hielt Galilei so unbeirrbar an der Kreisform fest, die ihm die mathematisch-astronomische genauso wie naturphilosophische Tradition vorgab? Denn der Kreis behält bei ihm seinen angestammten Primat, und auch der Trägheitssatz seiner neuen Mechanik ist einer für die „natürliche“ Kreisbewegung.

Keplers Kindereien

Und das, obwohl der kaiserliche Mathematiker Kepler bereits 1609, als die Fernrohrbeobachtungen Galilei gerade definitiv zum überzeugten und öffentlich auftretenden Kopernikaner machen, in seiner „Neuen Astronomie“ die Ellipsenform der Planetenbahnen ins Spiel gebracht hatte, was auch nicht ohne Wirkung auf die Wissenschaftlergemeinde blieb. Ausgerechnet der so gern an platonisierenden Ordnungs- und Harmonievorstellungen entlang spekulierende Kepler hatte der tradierten Kreisform den Abschied gegeben – weil sich mit ihr die faszinierend genauen Planetenmessdaten Tycho Brahes, auf die er zurückgreifen konnte, nicht erfüllen ließen, wenn man das heliozentrische System als höchste Ordnungsinstanz zugrunde legte und verbissen genug Varianten durchrechnete.

Aber diese Berechnungen ließ Galilei links liegen, so wie die Werke Keplers insgesamt, selbst wenn seine Korrespondenz zeigt, dass er Letztere sehr wohl kannte; und seine Antworten auf Keplers um Zusammenarbeit werbende Briefe sind eher hinhaltende Ausweichmanöver. Nicht einmal das erbetene Fernrohr bekam der immer öffentlich zu Galilei stehende Kepler. Aber kaum hatte er sich eins beschafft, schrieb er dafür jene optische Theorie teleskopischer Beobachtung, die Galilei sich ersparte, um stattdessen auf raffinierte Patronagepolitik zu setzen, die das Fernrohr als legitimes wissenschaftliches Instrument durchsetzen sollte. Als sich Galilei aber doch einmal im Druck zu Keplers Himmelsphysik äußert, durch einen seiner Sprecher im „Dialog“, wir daraus eine Schelte: Wie konnte nur ein so scharfsinniger Mann auf Dinge verfallen wie die „Herrschaft des Mondes über das Wasser, die verborgenen Qualitäten und was an Kindereien mehr sind“?

Sonne, Mond und Meer

Die „Kindereien“, die Galilei da so entschieden ins Visier nahm, Keplers Spekulieren über die Kräfte zwischen den Planeten und insbesondere über eine antreibende Kraft der Sonne, sind freilich eine zweischneidige Angelegenheit. Auf der einen Seite gehören sie tatsächlich zu jenen Anteilen der alten Naturphilosophie, von denen sich die neue Physik verabschieden wird, zumindest offiziell. Aus einem anderen Blickwinkel betrachtet, nehmen sie sich aber ausnehmend modern aus, als Vorboten der Newton’schen Gravitation.

Und hübsch ist natürlich die Ironie, dass Galilei in diesem Zusammenhang ausgerechnet die mit dem Mond operierende Gezeitentheorie Keplers abkanzelt, die durchaus eine richtige Verbindungslinie zog. Zumindest eine bessere als Galileis eigener Versuch, die Gezeiten direkt aus der Erdbewegung um die Sonne abzuleiten: Genau durch diesen realen Effekt sollte ja die Erdbewegung außer Zweifel gestellt werden – was Urban VIII. ganz richtig sah, sich den ursprünglich für den „Dialog“ vorgesehenen Titel „Über Ebbe und Flut“ verbat und auf diese Weise (noch) einen Beitrag zum Nachruhm Galileis leistete.

Kepler und Galilei sind als Figuren für sich genommen faszinierend genug. Sie am Leitfaden der Reaktionen aufeinander in einer Darstellung zusammenzuführen, erhöht noch den Reiz. Zumindest dann, wenn man diese Aufgabe so geschickt, mit guter Kenntnis des wissenschaftsgeschichtlichen Terrains, Sinn für lebendige Darstellung und doch ohne Effekthascherei vorzuführen weiß wie Thomas de Padova: ein geglücktes Beispiel populär geschriebener Wissenschaftsgeschichte.

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