https://www.faz.net/-gf5-15bu3

Roberto Saviano: Das Gegenteil von Tod : Notizen aus der Geiselhaft

Bild: Hanser Verlag

Zwei Frauen und zwei Gesichter Italiens: Nach seinem Buch über die Camorra beschreibt Roberto Saviano eine Gesellschaft, durch die ein Riss geht. In seinen Prosatexten spricht er aus, was sich fast niemand zu sagen traut.

          Ein Buch wie „Gomorrha“ lässt sich nur einmal schreiben. Dafür sorgen schon die Todesdrohungen, denen Roberto Saviano seitdem ausgesetzt ist. Wer unter Personenschutz steht, kann keinen investigativen Journalismus betreiben. Doch die Camorra droht und mordet weiter, ihre Macht wächst, und Saviano, 1979 geboren und im Hinterland von Neapel aufgewachsen, lässt sich nicht einschüchtern. Sein Nachfolgeband, zwei Prosatexte von gerade mal sechzig Seiten, ist keine Fortsetzung, eher ein Seitenstück zu „Gomorrha“. Als totalitäres System, das in Abhängigkeiten und Ausweglosigkeiten treibt, als organisiertes Verbrechen, das brutal, feige und geschäftstüchtig seine Interessen durchsetzt, schildert Saviano die kampanische Mafia. Bleibt da überhaupt noch die Möglichkeit eines anderes Lebens, wenn nicht gegen, so doch neben der Camorra? Das ist die Frage, die in „Das Gegenteil von Tod“ gestellt wird.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          „Wenn von ‚Kriegsheimkehrern' oder dem ‚letzten Krieg' die Rede ist, dann denkt man überall in Italien an die ergrauten Köpfe ehemaliger Partisanen. Hier dagegen wimmelt es von blutjungen Kriegsheimkehrern“, schreibt Saviano. Der Mezzogiorno ist, „seit ‚Militär' Arbeit und Lohn bedeutet“, zu einem Söldnerreservoir geworden, die meisten Soldaten kommen von dort und mithin auch die Mehrzahl der Gefallenen. Im Süden herrscht eine andere Zeit und eine andere Zeitrechnung: „Der letzte Krieg verdrängt die vorangegangenen.“ Bis vor ein paar Monaten war es der im Irak, davor der in Bosnien, in Mosambik, im Kosovo, in Somalia, in Libanon. Jetzt ist es der Krieg in Afghanistan, in dem der vierundzwanzig Jahre alte Gaetano von einer Bombe der Taliban verstümmelt wurde und so ganz ähnlich starb wie Salvatore, der als „Begleitschutz“ eine jener Schrottkisten fuhr, welche die Carabinieri von den Drogen-Lkws der Clans ablenken sollen. Als er einen Unfall provozierte, kam er von der Straße ab und nicht mehr aus dem explodierenden Wagen. Nur dank der metallenen Erkennungsmarke, die er wie alle im Süden um den Hals trug, konnte er identifiziert werden: „Sie ist das Kennzeichen für Männer, die an unterschiedlichen Fronten umkommen, verbrennen wie Salvatore oder wie Gaetano.“

          Grablichter erinnern an die Opfer

          Roberto Saviano erschließt Gaetanos Geschichte über Maria, dessen siebzehnjährige Verlobte, die der namenlose Ich-Erzähler aufsucht Der Anschlag hat sie zur „Kinderwitwe“ gemacht. Wie sie sich „Afghanistan“ vorzustellen versucht, wie ihr die schreckliche Wahrheit scheibchenweise eröffnet wird, wie die Fragen, was geschehen ist, sie martern und sie von den Heimkehrern mehr erfahren will, und wie sie, während ihr Bruder ihre Augen zuhält, an den Leichnam tritt: Die Anatomie einer Trauer, die Saviano mit den Gesten, Reaktionen und Verständnislosigkeiten, die sie hervorruft, einfühlsam lakonisch in der Mentalität des Südens verortet.

          Gegen das herrschende Bewusstsein, „alles so zu nehmen, wie es ist“, begehrt Maria auf: „Che l'amore è il contrario della morte“ - mit diesem Vers aus Sergio Brunis Canzone „Carmela“ ist sie überzeugt, Gaetano festhalten und dem Tod entreißen zu können: „Eine Eurydike im umgekehrten Sinn, die Orpheus nur dann, wenn sie ihn nicht aus den Augen lässt, aus dem Hades führen kann.“ Der zweite, kürzere Text des Bandes knüpft direkter an „Gomorrha“ an. Auch in „Der Ring“ erzählt Saviano über eine junge Frau, „das Mädchen aus dem Norden“: Mit der Vespa holt sie der namenlose Ich-Erzähler vom Bahnhof seines Heimatorts ab, nervös und voller Scham darüber, wie es hier aussieht. Was es mit den Blumesträußen und Grablichtern, die an vielen Ecken der Mafia-Opfer gedenken, auf sich hat, hätte er ihr gerne erklärt, aber er will sie nicht erschrecken, und als sie von weitem Gedenktafeln sieht und fragt, ob es hier Partisanen gegeben habe, lügt er: „Ja, Partisanen“. Dabei geht es hier, aber das behält er für sich, um einen „Widerstand, der sich nicht einmal ‚gegen' etwas richtet. Es genügt, dass man nicht ‚dabei' ist, um zu fallen - wie im Krieg...“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Sommer in New York

          Gefährliche Hitzewelle : Amerikas Sommer der Extreme

          In vielen Gegenden Amerikas herrschen derzeit gefährlich hohe Temperaturen. Städte wie New York müssen sich in Zukunft auf noch extremere Sommer einstellen, warnen Klimaforscher.
          Boris Johnson: Favorit auf das Premierministeramt in Großbritannien

          Großbritannien : CDU traut Boris Johnson positive Überraschung zu

          Boris Johnson dürfte heute das Rennen um die Regierungsspitze für sich entscheiden. Aus der CDU bekommt er Lob für seine Intelligenz. Der frühere Premier Tony Blair hält einen Brexit ohne Abkommen für ausgeschlossen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.