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Niall Ferguson: Der Aufstieg des Geldes : Geld allein macht nicht unglücklich

Bild: Econ

Wurzelt denn alles im Kreditwesen? Niall Ferguson nimmt es in seiner farbigen Weltfinanzgeschichte mit den Erklärungen nicht allzu genau. Seiner These vom Aufstieg des Geldes traut er selber nicht so recht.

          Alle bisherige Geschichte ist eine Geschichte von Gläubiger-Schuldner-Beziehungen. Ist das Niall Fergusons These? Sollte ein Historiker den Mut haben, die freigewordenen Stellen im Basis-Überbau-Schema neu zu besetzen und dort, wo einst Produktionsverhältnisse standen, Zahlungsformen einzusetzen? Oder geht es Ferguson nur um einen dramatischen Auftakt zu etwas dann doch weniger Ambitioniertem?

          Das Geld, heißt es in der Einleitung zu seiner Weltfinanzgeschichte, sei die Wurzel „beinahe allen Fortschritts“. Also doch nur beinahe und auch nur des Fortschritts, für Rückschritte scheint anderes die Wurzel, womit die Geschichte also mindestens zwei Hauptmächte hätte. Ein paar Sätze später schreibt er, die Entwicklung des Kreditwesens sei für die Entwicklung der Zivilisation „ebenso wichtig“ gewesen wie technische Erfindungen. Und die Medizin, das Recht, die Algebra, das Kino? Die Pracht der Renaissance, heißt es weiter, „beruhte“ auf dem damaligen Bankwesen, für die niederländischen und britischen Kolonialreiche hätten Kapitalgesellschaften die „unentbehrliche Grundlage“ gebildet. Ferguson pflegt also eine Nicht-ohne-Theorie: Alles Mögliche hätte es nicht ohne seine Finanzierung gegeben. Der nächste Abschnitt behauptet schließlich, hinter jeder großen historischen Erscheinung verberge sich „ein finanzielles Geheimnis“. Ein Geheimnis als Grundlage von allem?

          An all diesen Formulierungen erkennt man gleich zu Beginn des Buches den Sachbuchautor im Unterschied zum Wissenschaftler und den Historiker im Unterschied zum Theoretiker. Den Sachbuchautor, denn Ferguson will nicht einfach nur Wirtschaftsgeschichte schreiben. Was er auf gut dreihundert Seiten zu liefern beansprucht, ist vielmehr ein Schlüssel zum Verständnis einer Gegenwart, die durch Wirtschaftsfragen fasziniert, vielleicht aber auch geblendet ist. Das Buch ist auf die Finanzkrise kalkuliert, immer wieder erörtert Ferguson darum auch Vorgänge, von denen gar keine Geschichte geschrieben, sondern bislang höchstens kolportiert werden kann, weil diese Vorgänge noch andauern oder es keine zuverlässigen Quellen für sie gibt: den Zusammenbruch des Long Term Capital Managment-Fonds (LCTM) etwa, der 1998 eine nobelpreisprämierte Formel für Optionspreise falsifizierte, den Enron-Fall, bei dem 2001 ein Energiekonzern durch Bilanzfälschungen betrügerisch Milliarden entwendete, oder eben das Hypothekenspekulationsdesaster unserer Tage.

          Erklärungen und Thesen, die nicht recht zusammenpassen

          Ferguson informiert über solche Geschehnisse im Stil der Wirtschaftsreportage. Er führt seine Leser vom spanischen Goldimport aus den Kolonien zur Kreditwirtschaft in Oberitalien um 1200, macht Exkurse zur Geldentstehung und zum Tausch in einfachen Gesellschaften, beschreibt die Gründung der ersten Banken und die der Aktiengesellschaften sowie die Erfindung verschiedener Finanzierungstechniken, insbesondere der Staatsanleihen, und erörtert das Phantasma, Geld repräsentiere Gold, nicht ohne ihm selbst anheimzufallen, wenn er die Lösung vom Gold historisch für Inflation verantwortlich macht. Das passiert ihm öfter, dass er ökonomische oder soziologische Thesen hinsetzt, ohne dass ersichtlich wäre, wie er zu ihnen kommt. Ohne eine angemaßte Expertise im „Fraglos gilt“-Stil scheint das Reden über Wirtschaft auch hier nicht auszukommen.

          Historiker im Unterschied zum Theoretiker ist Ferguson, weil er sich nicht zu einem stabilen Begriffsgebrauch und klaren Thesen verpflichtet sieht. Darum kann er gleichzeitig behaupten, aller Fortschritt hänge an der Wirtschaft und die Wirtschaft an der Finanz, um nur wenig später zu erzählen, dass die Finanz zu Zeiten ihrerseits an der Mathematik hing, an der Politik, der Schiffstechnik, am Recht oder an falschen ökonomischen Theorien. Mal sind für ihn die Doktrinen des Monetarismus das Nonplusultra der Geldpolitik, mal hat der Postkeynesianismus das treffende Wort, mal auch die Psychologie des von irrationalem Überschwang hingerissenen homo speculativus, mal auch einfach nur George Soros.

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