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Jean-Luc Nancy: Dekonstruktion des Christentums : Vom sachten Entzug der Theologie

Bild: Diaphanes Verlag

Was bleibt, ist ein Wink zur Transzendenz: Jean-Luc Nancy fordert einen religiösen Minimalismus. Seine Metaphysik der Negativität ist die entscheidende Voraussetzung für seinen sachten Entzug der Theologie.

          3 Min.

          Die Dekonstruktion ist eine sehr französische Angelegenheit, will sagen: Sie bedeutet ein zivilisiertes Verhalten gegenüber Texten, ein ungemein höfliches Sich-Verneigen und doch auch wieder ein Lächeln - und dann wird spielerisch, wie in einem Flirt, wie in der Koketterie alles an Andeutungen aufgeboten oder dem Text entnommen, was nur möglich ist. Aber es wird auch vieles aufgeschoben, zunächst einmal im Konjunktiv erwogen, definitive Thesen sind in dieser philosophischen Spielart eher selten zu haben; es ist, als solle aus der endlosen Vorlust am Text eine Tugend gemacht werden. In einer charakteristischen Wendung heißt es am Ende der ersten Abhandlung bei Jean-Luc Nancy: „Ob das Signal ,ein Gott' - oder auch das ,Signal eines Gottes' - hier notwendig ist oder nicht, bleibt dennoch unentschieden. Es wird vielleicht unentschieden bleiben - oder auch nicht.“

          Lorenz Jäger

          Freier Autor im Feuilleton.

          Gleich muss man hinzufügen, dass keine „Destruktion“ im dogmatisch-atheistischen Sinne gemeint ist. Nancy verwahrt sich gegen das banale Missverständnis, sein Verfahren komme einer Demolierung gleich. Und nun eine Dekonstruktion des Christentums? Sicher: Die Bindung der Theologie an die scholastische Philosophie, die über ein Jahrtausend das Denken der Christenheit jedenfalls im Westen bestimmte - der Osten hatte nicht nur die Aufklärung, sondern schon die Aristoteles-Rezeption nicht mitgemacht -, ist vielfach brüchig geworden. Schon im vergangenen Jahrhundert hat man es mit anderen Philosophien versucht, mit dem Existentialismus vor allem. Das grundsätzliche Recht einer philosphischen Neudeutung der christlichen Gehalte ist also unstrittig.

          Eine kritische Haltung gegenüber den „Reichen“

          Und der Ertrag? Er ist, bei allem Zögern des dekonstruktiven Gedankens, bei aller Scheu vor zu viel Festlegung, in manchen Partien lohnend. Was Nancy meisterhaft versteht, ist die Freilegung einer gedanklichen Geste. Heidegger und Nietzsche, Derrida und Blanchot werden eingehend diskutiert. Sehr einleuchtend sind Nancys Überlegungen zum Jakobus-Brief. Luther nannte dieses Schreiben die „stroherne Epistel“, wie Nancy anführt. Der Reformator hatte einen Grund, denn hier war dem „Werk“ ein höherer Rang im Zusammenhang des religiösen Lebens zugesprochen worden, während Luther sich ganz auf Paulus stützen wollte und die Lehre von der alleinigen Rechtfertigung durch den Glauben. Überzeugend, wenn auch in den Kategorien nicht völlig neu ist deshalb Nancys Auslegung von „Werk“: dass es sich dabei nicht um ein Arbeiten, sondern um ein Handeln, eine Praxis dreht, mehr um ein „In-actu-Sein“ und weniger um ein „operari“ eines Opus, um ein Tun zwischen Menschen und nicht um eine Handlung an einem Objekt.

          Die theologische Zurückhaltung im Brief des Jakobus müsse als Absicht verstanden werden: „Das bedeutet jedoch, man darf hier gerade keine Dürftigkeit sehen, sondern einen Entzug an Theologie oder eine Theologie im Entzug, das heißt einen Entzug von Repräsentation der Inhalte zugunsten einer aktiven Affirmation des Glaubens.“ Jakobus habe in seiner bekannten kritischen Haltung gegenüber den „Reichen“ daran erinnern wollen, dass es sich bei dem versprochenen Heil nicht um etwas aus der Ordnung der Dinge handle, das man sich aneignen könne. Noch bedeutender sind wohl Nancys Überlegungen zum „geschichtlichen“ Charakter des Christentums, der dem Glauben immanent ist und nicht als historische Zufälligkeit verstanden werden darf.

          „Wie ohne Gebet beten?“

          „Monotheismus“ ist der Begriff, unter dem das Christentum bei Nancy verhandelt wird. Vielleicht wird der Abstand zu den Glaubensweisen des Mythos dabei überakzentuiert, denn am Ende schlägt der Montheismus um in den Atheismus, wie der Philosoph nicht ohne Zustimmung feststellt. Und wenn er hinzufügt, „fortan“ konstituiere sich das „dauerhafte Sediment“ des Christentums in nichts anderem als in der „demokratischen Ethik der Menschenrechte und der Solidarität“, wobei er die Frage offenlässt, ob dieser „Humanismus“ nicht seinerseits wieder „geöffnet“ werden müsse - dann ist der Befund in diesem Fall eben doch zu arm und zu dünn, um über die allgemeine Rhetorik der Zivilreligion hinauszuweisen.

          Denn es gibt eine kaum je ausgesprochene, aber entscheidende Voraussetzung, die Nancy macht, und das ist die Metaphysik der Negativität oder jedenfalls des religiösen Minimalismus, der er seine Hauptzeugnisse entnimmt. Er will und kann sie nicht überwinden. Das ist die Grenze dieses Buchs. „Wie ohne Gebet beten?“, fragt er einmal, und an anderer Stelle heißt es: „Was verkündigt sich? Nichts.“ Es scheint vom Christlichen kaum etwas zu bleiben als eine Geste der Öffnung auf die Transzendenz.

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