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Daniel Pennac: „Schulkummer“ : Nur im Krebsgang lebt sich’s gut

Bild: Verlag Kiepenheuer & Witsch

Angst macht dumm, Angst lässt uns an Entbehrungen zugrunde gehen: Daniel Pennacs „Schulkummer“ gewinnt man als Krisenhelfer lieb. Es ist ein Buch gegen Ohnmachtsgefühle, ein schon aufreizend antipsychologisches Meisterwerk.

          9 Min.

          Wie sieht es aus, das nicht-verwöhnte Leben? Das Leben, das mit Entbehrungen zurechtkommt? Woraus bezieht es seine Kraft? Daniel Pennac stellt in seinem Buch „Schulkummer“ ein anthropologisches Gesetz auf. Es lautet: Am besten leben solche Menschen, die die Grunderfahrung einer Versehrtheit gemacht haben und denen es gelingt, „diese schmerzliche Wunde offenzuhalten“. Schlecht dagegen leben Menschen, die die Erfahrung, versehrt zu sein, nicht kennen, die vielmehr das durchgängige Gefühl einer Intaktheit haben und deshalb nichts begreifen: weder bei sich noch bei den anderen.

          Christian Geyer-Hindemith
          Redakteur im Feuilleton.

          Mit „Schulkummer“ hat der französische Schriftsteller Daniel Pennac dem schlechten Schüler ein Denkmal gesetzt. Dem schlechten Schüler, der er selber war und den er in seiner aktiven Lehrerzeit zwei Jahrzehnte lang viele hundertmal unterrichtete. Aber mehr als das ist dieses Buch ein Denkmal für das versehrte Leben, jenes Leben, das Pennac als das allein lebenstüchtige beschreibt. Das schöne Wort „Kummer“ (französisch: chagrin) meint etwas anderes als Traurigkeit oder Depression. Traurigkeit oder Depression nehmen gefangen, sie haben etwas bestürzend Weltfremdes. Kummer dagegen ist ein Weltverhältnis, das die Proportionen wahrt. Weil es gelernt hat, mit dem Schmerz zu rechnen; gelernt hat, seine Erwartungen zu ordnen. Wer Kummer hat, ist – so die gezielte Assoziation – Kummer gewöhnt und fällt deshalb nicht aus allen Wolken, wenn die Dinge nicht mehr rund laufen. Kummer lähmt nicht, Kummer lässt hoffen. Der Verlag scheint dieser Pointe nicht zu trauen. Er hat denn auch unter den Titel „Schulkummer“, den er offenbar für zu negativ hielt, flugs noch einen Aufkleber auf die Einschweißfolie geklebt, auf dem es heißt: „aber es gibt keinen hoffnungslosen Fall“. Der Autor wird es zu nehmen wissen.

          Angst macht dumm

          Wir sollten uns jetzt aber erst einmal der fabelhaften Verteidigung des Auswendiglernens zuwenden, die Pennac in diesem Buch aufgeschrieben hat und die alles sagt über das, was er dem Kummer an wundervollen Blüten zutraut. Hören wir also Pennacs Rede an die Mutter, die sich beim Lehrer beschwert, weil ihr Sohn Texte auswendig zu lernen hat (ihr Sohn sei doch kein Kind mehr, sagt sie). Pennacs Rede an die Mutter und an die Barbarei des Zweckdienlichen geht so: „Ihr Sohn, Madame, wird nie aufhören, ein Kind der Sprache zu sein, und Sie selbst ein winziger Dreikäsehoch, und ich ein lächerlicher Knirps, und wir alle zusammen kleine Fische, mitgerissen vom großen, der mündlichen Quelle der Literatur entsprungenen Strom, und es wird Ihrem Sohn gefallen zu wissen, in welcher Sprache er schwimmt, was ihn trägt, ihn verändert, ernährt, und selber – und mit welchem Stolz! – Träger dieser Schönheit zu werden, es wird ihm gefallen, glauben Sie mir, er wird den Geschmack dieser Worte in seinem Mund, die Leuchtraketen dieser Gedanken in seinem Kopf mögen und mit Genuss die gewaltigen Fähigkeiten und die unendliche Geschmeidigkeit seines Gedächtnisses entdecken, dieses Resonanzkörpers, dieses sagenhaften Kastens, in dem man die schönsten Sätze erklingen, die klarsten Ideen widerhallen lassen kann, er wird süchtig werden nach diesem Sprachtieftauchen, sobald er die unersättlichen Höhlen seines Gedächtnisses entdeckt hat, er wird mit Lust immer wieder in die Sprache hinabsteigen, um in ihren Fluten nach Texten zu fischen, und sein Leben lang wissen, dass sie da sind, dass sie ein Teil von ihm sind, dass er sie unversehens rezitieren, sie sich selber vorsagen kann, allein um der Worte Wohllaut willen.“

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