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Thomas Lehr: Tixi Tigerhai und das Geheimnis der Osterinsel : Da ist ja schon wieder ein Ovolekt entstanden!

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Hasenbeschleuniger im zweckfreien Spiel: Thomas Lehr rettet das Osterfest vor dem grundbösen Räuberhauptmann Dr. Baldur Bonzo und kämpft mit seinen kreativen Spaßwaffen für die Machtübernahme der Phantasie.

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          Ein bisschen Pippi Langstrumpf ist schon drin. Und die schreckliche Schule des Dr. Bonzo könnte von der schrecklichen Schule von Frau Mahlzahn aus „Jim Knopf“ herrühren. Und die akrobatischen Spiele mit Silben, Wörtern, ja ganzen Sprachen gäbe es ohne James Krüss so wenig wie die akrobatischen Spiele mit Raum und Zeit ohne die E-Books (Erwachsenen- oder Ernst-Bücher) von Thomas Lehr.

          Ein Konto bei der Zürcher Rübli-Stützli-Creditanstalt

          Nein, Thomas Lehr hat das gute Kinderbuch nicht neu erfunden. Er hat nur ein weiteres gutes geschrieben, mit der ganzen Detailsorgfalt im Phantastischen, die etwa an seinem Roman „42“ besticht. Ein gutes Kinderbuch, so viel vorweg, ist eines, in dem auch Erwachsene, verzückt, belehrt, ernährt (des Reimes willen; es ist aber auch ein Vergnügen, mit Fettfingern zu lesen und im Bett zu essen), mit heißen Ohren versinken. Und dieses nun ist sogar besser als seine Rezension, die sich seit der ersten Zeile um die Zusammenfassung einer hochverwickelten und hochdramatischen Handlung drückt.

          Aber soll sie wirklich damit anfangen, dass alles damit beginnt, dass? Dass Tixi Tigerhai, die mit fünf Jahren in einer Kiste vom Himmel gefallen und auf der Osterinsel gelandet ist, kurz nach ihrem zehnten Geburtstag den größten der „Haukopf“-Köpfe besteigt, durch dessen riesige Nase in sein Inneres gedreht wird „wie durch eine Kaufhaustür“ und auf Seite 14 (von 315) mit einem Aufzug in ein unterirdisches Dunkel saust, wo sie dann . . .?

          Na also. Es geht nicht. Allenfalls aus Sternenhöhen, wo die Welt klein erscheint wie ein Ei: Die Räuberbande um den grundbösen Dr. Baldur Bonzo und seinen dummbösen Bruder Schwarzbauch, auf Kindesentführung spezialisiert, will in großem Stil abkassieren. Alle 40 Osterhasen der Welt sollen aus dem Verkehr gezogen werden. Schluss mit Ostern, heißt die Devise, es sei denn, Millionen Eltern zahlen alljährlich einen Obolus auf ein Konto bei der Zürcher Rübli-Stützli-Creditanstalt.

          Vom langzähnigen Hasengelispel bis zum ö-lastigen Orgelton des Dr. Bonzo

          Aber die Räuber haben nicht mit Tixi Tigerhai und Hänschen Haifischflosse gerechnet, die ihren Fängen entrinnen konnten und zufällig auf Rapa Nui (wie die Osterinsel bei ihren Bewohnern heißt) zusammentreffen, genau in dem Moment, in dem die Bande zum vernichtenden Schlag gegen die unterseeische Ostereierfabrik der Osterhasen Herbert Mütz und Hubert Flitz ausholt, die geheimnisvoll mit den Steinköpfen und Vulkanen der Insel verbunden ist und ganz Südamerika versorgt. Und nun geht es rund, so hochdramatisch und hochverwickelt, dass es nur noch mit Hilfe eines Erzählbeschleunigers (“17 Osterhasen entführt!“ - „Osterhasen genverändert durch Fernsehfolter!“ - „Dr. Baldur Bonzo und sein Verdummungsinternat in der Eishölle des Südpols!“ - „Zwei Kinder, Rapa Nui-König und Zwerggorilla legen Erpresserbande schach!“ - „Verbrecher durch Hasenbeschleuniger-Missbrauch gealzheimert!“ - „Matt!“) zu schildern wäre. Und was sagt schon die Handlung, eine High-Tech-Variante des barocken Musters aller Kinderromane, über das Vergnügen, das es bereitet?

          Der Zauber dieses Romans entspringt einer Möglichkeitsphantasie, die nie willkürlich ist, sondern ganze Technologien aus dem Geist von Hasenherz und Osterei entwickelt. Einem Sprachwitz, der Dialoge in spezifischen Ovolekten wie „Eierspanisch“ und „Eierdeutsch“ hervortreibt und auf der Klaviatur der Vokale und Umlaute charakteristische Idiome erzeugt, vom langzähnigen Hasengelispel bis zum ö-lastigen Orgelton des Dr. Bonzo. Es sind veritable Sondersprachen, in denen die Vielsprachigkeit der Welt aufscheint, zugleich aber stets der kindlichen Freude am Kalauern und Herumgealber entsprochen wird.

          Alle Grammatiken, ja überhaupt alle Lehren dieses Buches münden ins zweckfreie Spiel. Ob es vor zu viel Schokolade warnt, Wege in eine demokratische Streitkultur aufzeigt, ans Zähneputzen erinnert, die Fernseher kurzerhand abstellt, ja generell den Konsum zur Folter mutieren lässt: Es moralisiert nicht, sondern stürzt den Stumpfsinn und verhilft mit Spaßwaffen, Ovojets, Hasenbeschleunigern, Tarnfolien, unzerstörbaren Kitzelkostümen und mythischen Riesenvögeln der Phantasie an die Macht.

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