https://www.faz.net/-gf5-15bur

Stian Hole: „Garmans Sommer“ : Könnten Tanten fliegen

Bild: Hanser

„Garmans Sommer“ ist ein trauriges wunderschönes Buch. Aber die Tatsache, dass wir all die Schönheit, die uns Stian Hole zeigt und erzählt, als traurig empfinden können, beweist nur unsere Liebe zum Leben.

          2 Min.

          Sie fliegt. Die alte Tante Borghild. Und in ihrem Gefolge hat sie einen ganzen Schwarm aus Faltern, Schmetterlingen, Blüten. Eine Schwalbe ist auch dabei. Nun wissen wir, dass eine allein keinen Sommer macht, doch hier ist sie in Gesellschaft, in einem ganzen Sommerausflug, der Tante Borghild auf ihrem Flug folgt. Dieses Bild summiert den Sommer. Und wenn wir genau hinsehen, dann hat sich ganz am Schluss des Schwarms auch ein Lippenstift angeschlossen, von genau der Farbe, die den faltigen Lippen der Dame etwas Glanz verleiht, und auch ein Engelchen ist mit dabei. Es geht gen Himmel.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          „Wirst du bald sterben?“, hat der sechsjährige Garman seine Tante gefragt. Als Antwort beschrieb sie die Himmelfahrt und den Einzug in einen großen Garten - daher die Blumen und Blätter im Bild. „Hast du Angst?“, legt Garman nach. Und dann schreibt Stian Hole, dem wir dieses Bilderbuch verdanken, seine schönste Passage: „Tante Borghild nickt zaghaft. Sie holt eine Bürste aus ihrer Tasche und kämmt sich die silbergrauen Haare, die in der Sonne leuchten. ,Ja, Garman, ich habe Angst, wegzufahren und dich zurückzulassen. Aber in dem großen Garten ist es bestimmt sehr schön.‘“

          Wieder einmal das Staunen lernen

          Das Buch heißt „Garmans Sommer“, und es ist ein Kunstwerk. Nicht, weil hier ein Zeichner in größtmöglicher Verfeinerung seiner Kunst mit Farbe und Pinsel und Feder agiert hätte, sondern weil hier die Möglichkeiten der digitalen Bildbearbeitung auf eine Weise genutzt wurden, dass man staunt, aber sich nicht fragt, wie das wohl gemacht sei. Und damit auch genug zum technischen Aspekt dieses Buches, dann das interessiert kleine Leser ohnehin nicht, und die Erwachsenen sollten ihre Neugier einfach hintanstellen, um wieder einmal das Staunen lernen zu können.

          Wen interessierte schon, dass die Köpfe von Stian Holes Figuren riesig sind? Das sind die Köpfe der meisten Comicfiguren doch auch. Was soll man sich Gedanken darum machen, aus welchen Quellen die Pflanzen stammen, die in die Bilder einmontiert sind, woher das Inventar von Garmans Elternhaus oder die Kleider der drei alten Tanten? Das alles zeigt uns Hole, und es sind Kuriositäten nicht im Sinne von etwas Rätselhaftem, sondern als wundersame Requisiten eines Lebens, wie wir alle es irgendwann einmal mit sechs Jahren wie Garman bewusst zu führen begonnen haben und es irgendwo im Alter der Tanten Borghild, Augusta und Ruth beenden werden - wenn wir Glück haben.

          Ein trauriges wunderschönes Buch

          Ein Stück vom Glück ist dieses Buch. Der neununddreißigjährige norwegische Bilderbuchzeichner Hole erzählt eine Geschichte, die überall Gültigkeit hat - die eines Sommers, wie Kinder ihn lieben; warm, prickelnd vor Leben und noch verschönert durch die Gemeinsamkeit der Familie. Im Herbst, am Ende des Buches, wird Garmans Schulzeit beginnen, vor der ihn dieselbe unbestimmte Angst umtreibt, die Tante Borghild vor dem Tod hat. Aber das merken wir erst spät, und plötzlich steht dadurch alles, was wir vorher erzählt bekommen und bedenklich (im besten Sinne des Wortes) gefunden haben, in neuem Licht. Einem warmen Sommerlicht. Es gibt Bildfindungen in diesem Buch, die von klassischer Eleganz sind, und es gibt welche, die uns aggressiv anschreien, so kunterbunt und wild sind sie. Aber die Dramaturgie ist derart ausgefeilt, in ihrer Abfolge und jeweils auch als einzelne, dass man sich zwar kurz schüttelt, wenn Garman etwa misstrauisch vor dem im Wasserglas aufbewahrten Gebiss einer seiner Tanten steht, aber dann wieder daran denkt, dass er ja auf der Doppelseite zuvor die Festigkeit der eigenen Milchzähne überpüft hat. Man lernt in diesem wunderschönen Buch auf subtile Weise, dass nichts von Dauer ist.

          Das kann man traurig finden. „Garmans Sommer“ ist in der Tat ein trauriges wunderschönes Buch. Aber die Tatsache, dass wir all die Schönheit, die uns Hole zeigt und erzählt, als traurig empfinden können, beweist nur unsere Liebe zum Leben. Und jedes Buch, das uns daran erinnert, ist wieder Grund zur Freude. In Norwegen ist die Fortsetzung, „Garmans Straße“, schon erschienen. Schön.

          Weitere Themen

          Die Magie des Lichts

          Fotografieausstellung : Die Magie des Lichts

          Erhellend: Das Fotografie Forum Frankfurt zeigt unter dem Titel „Ethereal“ Fotokunst aus Norwegen. Die besonderen Lichtverhältnisse sind nicht nur eine Herausforderung, sondern auch Inspiration.

          Schwarze Titelseiten in Australien Video-Seite öffnen

          Ruf nach Pressefreiheit : Schwarze Titelseiten in Australien

          Einige der großen Tageszeitungen in Australien erschienen am Montag mit geschwärzten Titelseiten. Damit wollten die Blätter nach eigenen Angaben auf die australische Gesetzgebung aufmerksam machen. Diese erschwere Journalisten die Arbeit, biete keinen ausreichenden Schutz der Pressefreiheit und lasse etwa die Durchsuchung von Redaktionsräumen zu.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.