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Beate Teresa Hanika: „Rotkäppchen muss weinen“ : Wo keiner zuhört, muss man gehen

  • -Aktualisiert am

Bild: S. Fischer

Schmieriger Schöngeist: In „Rotkäppchen muss weinen“ schickt Beate Teresa Hanika ihre Heldin in die Hölle des Missbrauchs. Und zeigt ihr den Weg zurück. In seiner schnörkellosen Grausamkeit hat das Buch tatsächlich viel von einem Märchen.

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          Rotkäppchen? Der Roman „Rotkäppchen muss weinen“, das preisgekrönte Debüt der Fotografin Beate Teresa Hanika, hat in seiner schnörkellosen Grausamkeit tatsächlich viel von einem Märchen. Es lebt aber auch von dessen poetischer Kraft, die Entwicklung der Heldin doch noch zum Besseren zu wenden, selbst wenn es bis zum Guten noch ein weiter Weg sein wird.

          So lange aber geht einem das Geschehen mehr als einmal so nahe, dass man kaum noch weiterlesen mag. Im Zentrum steht die 13-jährige Malvina. Sie bleibt in den Osterferien alleine zurück, die beste Freundin Lizzy ist für zwei Wochen weggefahren. Das Böse lauert in Gestalt ihres Großvaters auf sie. Wie die Enkelin den alten Mann, der sie betatscht und zu Küssen zwingt, mit ihren Sinnen wahrnimmt, das vermittelt die Autorin dem Leser in scharfen und plastischen Bildern – man spürt geradezu den Ekel und die Abwehr des Mädchens.

          Der Opa ein Unhold? Das kann nicht sein

          Von alldem wollen die Eltern und die Geschwister nichts wissen – obwohl sich Malvina ihnen anvertraut. Hartnäckig weigern sie sich den Roman hindurch, den Tatsachen ins Auge zu sehen. Der Opa ein Unhold? So muss Malvina weiter in die verhasste Wohnung gehen, um den rotweintrinkenden Großvater (er sei eben ein „Schöngeist“, erklärte der alte Mann) wegen seiner angeblichen Krankheit zu versorgen. Die Mutter zieht sich mit ihrer Migräne aus der Affäre, der Vater erscheint als autoritäres Relikt, der durch seine Prinzipienreiterei die Familie schikaniert.

          Von seiner Tochter, von den Frauen überhaupt fordert er „Herzenstakt“, verfügt aber selbst über keinen Funken Mitgefühl, sondern lässt den Täter unbehelligt – soll Malvina eben selbst zusehen, wie sie mit dem Großvater fertig wird! Der wiederum setzt sie immer stärker unter Druck, unter anderem, indem er an die mittlerweile verstorbene Großmutter erinnert, die schon früher an das Mädchen appelliert hatte, um des häuslichen Friedens willen dem Großvater gefügig zu sein.

          Ein expressionistischer Schrei mit langem Nachhall

          Den Ausweg aus der Verzweiflung verdankt Malvina vor allem sich selbst – weil sie, auch dieser Prozess ist meisterlich geschildert, allmählich klarer sieht, was ihr angetan wurde und wird. Zweitens aber findet sie für diese Auseinandersetzung Hilfe bei Menschen, die sie dabei ermutigen. So heftet sich in den zwei Wochen, in denen dieser Roman spielt, ein Junge namens Klatsche an ihre Fersen und lässt nicht locker in seinem Werben, auch wenn sich Malvina ziemlich seltsam verhält. Dass Klatsche nicht entfernt zu der Sorte von Jungen gehört, die Malvinas Vater gern in der Nähe seiner Tochter sieht, trägt durchaus zu diesem Prozess bei.

          Schade nur, dass Hanika, als Malvina sich endlich wehren kann, den Großvater aus dem Geschehen nimmt und damit das Mädchen der Möglichkeit beraubt, offensiv mit ihren emotionalen Verletzungen umzugehen. So kann sie sich letztlich der Kälte in ihrer Familie nur mit einem expressionistischen Schrei erwehren. Und der hallt lange nach.

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